Bio: Warum wir endlich umdenken sollten

Wir vergöttern unsere Hunde und Kätzchen. Aber Schweine, Kühe und Hühner gehen uns am Allerwertesten vorbei: 20 Masthühner pro Quadratmeter Stall, 40 Schweine auf 60 Quadratmetern und Anbindehaltung für Rinder auf einem 130x85cm großen Platz – ein Blick in die österreichische “Rechtsvorschrift für die Tierhaltungsverordnung“ bringt erschütterndere Details ans Tageslicht – und sollte uns endlich zum Umdenken bewegen, was den Kauf von Bioprodukten betrifft.

“Zu teuer” und “kann ich mir nicht leisten” sind die Standardfloskeln, die man hört, warum die meisten Konsumenten nicht zu Bioprodukten greifen. Dabei passt dieser alte Hut schon langen nicht mehr. Speziell Grundnahrungsmittel wie Eier, Milch, Butter, Käse, Brot, aber auch Wurst sind heutzutage nur mehr unwesentlich teurer als herkömmlich produzierte Produkte. Jedem halbwegs vernünftigen Geistesmenschen sollte ein Blick in die heimische “Rechtsvorschrift für die Tierhaltungsverordnung” genügen, um endlich umzudenken. So dürfen auf 60 Quadratmetern 40 Schweine gehalten werden; die Anbindehaltung (Haltung auf einem fixen Platz ohne Bewegungsfreiheit) bei Rindern ist nach wie vor gang und gäbe; und bei der sogenannten „Bodenhaltung“ müssen sich neun Hühner einen Quadratmeter Platz teilen – bei Masttieren sind es sogar 20 Tiere. Gibt’s nicht? Gibt’s doch – unser Gesetz macht’s möglich.

Masthühner: bis zu 20 Tiere pro Quadratmeter
Über 52 Millionen Masthühner und 5 Millionen Truthühner werden pro Jahr in Österreich zur Mast aufgezogen. In der Hühnermast sind gesetzlich 30kg Huhn pro Quadratmeter erlaubt, das sind bei 1,5kg Schlachtgewicht etwa 20 Tiere – also gerade so viele, wie es technisch überhaupt möglich ist, auf einen Quadratmeter zu pferchen. In der Putenmast sind sogar 40kg pro Quadratmeter erlaubt, was bei einem größeren Schlachtgewicht jedoch eine geringere Anzahl an Tieren bedeutet.

Eier aus Bodenhaltung: neun Tiere pro Quadratmeter
Die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestfläche bei der Eierproduktion aus Bodenhaltung beträgt maximal neun Tiere. Das entspricht eineinhalb Seiten DINA4-Papier – ein ganzes Hühnerleben lang. In fast allen Produkten (Nudeln, Kuchen, Convenience-Produkte) stecken übrigens Eier aus Bodenhaltung (ausgenommen sind natürlich Bioprodukte).

Freilandhaltung: acht Quadratmeter Auslauf
Bei der Freilandhaltung muss den Hennen zusätzlich tagsüber ein Auslauf von acht Quadratmeter pro Tier zur Verfügung stehen. Bei der biologischen Freilandhaltung sind es sogar zehn Quadratmeter.

Rinder: Anbindehaltung weiterhin Standard
Offiziell seit 2012 verboten, aufgrund vieler Ausnahmen aber nach wie vor die Regel: die Anbindehaltung, also die Haltung auf einem fixen Platz, an dem das Tier angebunden ist – und somit nur stehen oder liegen kann. Das schwammig formulierten Gesetz lässt jede Menge Hintertürchen – die auch fleißig genutzt werden – offen. “Die dauernde Anbindehaltung ist zulässig, wenn zum Beispiel keine geeigneten Auslaufflächen vorhanden sind oder es die baulichen Gegebenheiten am Betrieb nicht zulassen“.
Ein echter Horror sind die gesetzlichen Mindestanforderungen für die Standplatzhaltung: 130x85cm für Rinder bis 300kg Körpergewicht, 165x115cm bei Tieren von 300 bis 550kg. Nahezu generös gibt sich der Gesetzgeber in Sachen Bewegungsfreiheit: “Die Anbindevorrichtungen müssen dem Tier in der Längsrichtung mindestens 60cm und in der Querrichtung mindestens 40cm Bewegungsfreiheit bieten.”
Schlimm auch die gesetzliche Vorgabe in Sachen Tageslicht: In Ställen müssen lediglich im Ausmaß von drei Prozent der Stallbodenfläche Fenster oder transparente Flächen vorhanden sein. Das wäre bei einer 100 Quadratmeter große Wohnung ein Fenster mit drei Quadratmetern Fläche.

Schweine: 40 Tiere auf 60 Quadratmetern zulässig
Jährlich werden in Österreich rund 5,5 Millionen Schweine geschlachtet. Für die meisten herkömmlich gehaltenen Tiere dürfte der Tod eine wahre Erlösung sein: Bei Gruppenhaltung wird Sauen vom Gesetz her ein Platzbedarf von nur 1,85 Quadratmetern pro Tier (bei Gruppen bis fünf Tieren) und sogar nur 1,5 Quadratmeter bei Gruppen ab 40 Tieren zugestanden – im Klartext bedeutet das 40 Schweine mit bis zu zwei Metern Länge auf 60 Quadratmetern. Mastschweinen in der Gruppenhaltung geht’s noch schlechter: Hier sieht der Gesetzgeber eine Mindestanforderung von einem Quadratmeter (!) für Tiere über 110kg vor.
Nicht viel besser die Minimalanforderung bei Einzelhaltung: “Einzelbuchten für Sauen, die nicht in Gruppen gehalten werden können, müssen so gestaltet sein, dass sich die Tiere ungehindert umdrehen können.“ Das Gesetz schreibt 65cm breite und 190cm lange Einzelbuchten vor – das entspricht der Größe eines liegenden Menschen.  Über 99 Prozent aller “herkömmlich” gemästeten heimischen Schweine kommen, außer bei der Fahrt zum Schlachthof, nie ins Freie oder gar auf eine Weide.

Erschütternd, welchen Wert Nutztiere für den Gesetzgeber haben. Rinder und Schweine sind hochsensible, feinfühlige Tiere. Dabei wäre esso einfach: Bei den Grundnahrungsmitteln zu den biologischen Alternativen greifen, die mittlerweile sehr wohl leistbar sind. Und den Fleischkonsum von siebenmal auf nur mehr dreimal pro Woche reduzieren, dann kann sich auch das Biofleisch leisten. Bei Eiern und Biomilch hat sich gezeigt, dass die Preise durch vermehrten Konsum rasch sinken und leistbar werden. Das kann auch bei Biofleisch gelingen. Bei zwei Euro mehr fürs Biohendl wird gejammert, beim Packl Tschick um 5,50 Euro oder dem Mittags-Gspritzter um 3,20 Euro zuckt dagegen keiner mit der Schulter. Wer herkömmlich “produziertes” Fleisch konsumiert, toleriert – und macht sich mitschuld.

 

 

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