Der “Meister-Milo” im Gespräch

Vor langen 45 Jahren konnte durch den SK VOEST LINZ das letzte
Mal der Bundesliga-Meisterteller nach Linz geholt werden. Damals Kapitän: Ferdinand „Milo“ Milanovic. Im darauf folgenden Meistercup holten die Blau-Weißen gegen den FC Barcelona vor 25.000 Fans im Linzer Stadion ein 0:0. Jahre später holte “Milo” als Trainer noch den Vizemeister. Im LINZA-Talk spricht der 73-Jährige über die Kicker von heute, den Aufstieg des LASK und die Zukunft des FC Blau-Weiß Linz.

Ferdinand Milanovich – jetzt ist es schon unglaubliche 45 Jahre her, als Du als Kapitän mit dem SK VOEST LINZ den Meistertitel nach Linz holtest. Wie hast Du diese Zeit in Erinnerung?
Es war ja quasi ein doppeltes Jahrhundertereignis. Erst der Meistertitel und dann in der ersten Runde des Meistercups wurde uns der FC Barcelona mit Johann Cruyff zugelost. Eine unglaubliche Zeit, das kann man sich gar nicht vorstellen, was das für uns Spieler bedeutet hat.

Habt ihr im ersten Moment überhaupt realisiert, was und wer da auf euch zukommt?
Uns ist schwindlig geworden, wie wir den Kader der Spanier mit den Weltstars Cruyff und Neeskens durchgegangen sind, dazu der legendäre Rinus Michels als Trainer: Die Mannschaft hatte damals schon 18 Teamspieler in ihren Reihen, das war der absolute Wahnsinn.

In Linz gab’s vor 25.000 Fans auf der Gugl ein überraschendes 0:0, ihr seid über weite Teile ebenbürtig gewesen.
Die Frage war auch damals schon: Wie schätzt Dich der Gegner ein? Barcelona hat nicht mal unseren Vereinsnamen gekannt, Rapid oder Austria war ein Begriff. Aber wir? Barcelona war zudem von sich komplett überzeugt. Wir waren auf Augenhöhe und haben schon in Linz einige sehr gute Chancen kreiert.

"Milo" mit der Meisterplakette 1974

“Milo” mit der Bundesliga-Meisterplakette 1974

Und beim Rückspiel dann die 0:4-Watschen….
Wir sind stark gestartet, haben in der ersten halben Stunde an die Stange geschossen, unser deutscher Stürmer Michael Lorenz hatte eine weitere Riesenchance. In der 38. Minute haben wir durch einen Eigenfehler ein Tor kassiert und knapp vor der Pause ein zweites, dann war’s gelaufen. In der zweiten Halbzeit haben sie perfekt gespielt und den Ball laufen lassen. Das war schon damals eine absolute Traum-Mannschaft.

Hast Du als Kapitän nach dem 0:0 in Linz eine Aufstiegsprämie ausgehandelt oder wäre das zu vermessen gewesen?
Das war damals kein Thema für uns, dafür war die Freude auf das Spiel in Barcelona viel zu groß. Geld war uns komplett Wurscht. Vom Verein wurde uns aber eine “dementsprechende Prämie” in Aussicht gestellt.

Wir sind hier an der Stätte, an der im September 1974 das große Spiel gegen die Spanier stattfand. Empfindest Du so etwas wie Wehmut, weil das Linzer Stadion jetzt bald abgerissen wird?
Nein, denn wenn es die Möglichkeit gibt, was Besseres und Zeitgemäßeres zu machen, dann soll man das auch tun. Die Diskussion um die Stadionlaufbahn gab es übrigens schon damals, denn entsprechende Stadien sah man im Ausland bereits immer öfters. Wir haben davon geträumt, auch so etwas zu haben, waren mit dem Linzer Stadion aber dennoch zufrieden, obwohl wir als die absoluten Bittsteller behandelt wurden, wir durften hier nicht mal trainieren. Der damalige Stadionchef Eugen Wiesberger hat immer gejammert und gesagt: “Wenn ich euch das erlaube, kommt der LASK auch und der schöne Platz wird kaputt.”

Für den blau-weißen Fußball waren die 1970er und die Anfänge der 1980er-Jahre die goldene Zeit. Warum begann dann der stetige Abstieg und hat man es nie geschafft, so wie der LASK den Zug nach oben zu erwischen? 
Das war eine lange Entwicklung und hat auch mit der Abkehr des Stahlwerks zu tun. Jetzt hat man aufgrund der großen Erfolge des LASK wohl eine längere Durststrecke vor sich. Aber wir alle wissen, wie schnell es im Fußball gehen kann und sich die Dinge wieder ändern. Mit der eigenen Heimstätte in ein paar Jahren ist wieder vieles machbar.

Ist der FC Blau-Weiß Linz noch der SK VOEST von damals – so wie viele Fans sich das wünschen?
Nein, die VOEST ist das nicht mehr. Aber man hat natürlich schon einen Bezug zu damals. Ich nenne es eine “leichte Seelenverwandtheit”.

Auf der anderen Seite der LASK, der derzeit so gut wie alles richtig macht und dem alles aufgeht. Wird sich dieser Erfolg auf Dauer einstellen oder könnte es wieder einen Rückfall in alte Zeiten geben?
Der LASK ist den Weg von Null weg gegangen – unter Mithilfe einiger VOESTler…

…Du meinst Manfred Schill und Jürgen Werner – die zwei waren ja quasi deine sportlichen “Lehrbuben”…
(Lacht) Ja, die haben dort ein gutes Spür und mit Präsidenten Siegmund Gruber den richtigen Mann an der Spitze. Sportlich und wirtschaftlich dürfen nur ein paar wenige mitreden, das ist sehr gut. Jetzt kommt das große Aber: Was ist, wenn einige Leute ausfallen, wenn es mal nicht so läuft? Diese Situation hatte der LASK noch nicht, dieses Gefühl kennen sie noch nicht, es gibt zur Zeit keine Stagnation. Es wird auch interessant, wie sich die Doppelbelastung weiter auswirkt, die für den LASK komplett neu ist. Das könnte bei aller Euphorie durchaus ein Knackpunkt sein. Ich traue dem LASK aber zu, dass sie für längere Zeit zumindest die Nummer 2 in Österreich bleiben.

Trainingsintensität, Aufwand und das aufgeblähte Umfeld mit riesigen Trainerstäben: Ist das heute überhaupt noch derselbe Sport?
Nein. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals zu unserem Präsidenten Ruhaltinger gesagt hab: “Wir brauchen einen Tormanntrainer.” Er hat nur gesagt: “Im Werk haben die Abteilungsleiter 40 oder 50 Leute unter sich und ihr wollts für die paar Spieler noch einen Trainer?”

Der Trainerstab ist heute meist größer als der Kader, auf der Bank sitzen alle mit iPads, dazu kommen drei Videoanalysten, Laufwegauswertung und und und… Frage: Kann man nicht einfach  “back to the Roots” gehen und einfach Fußball spielen?
Es geht alles immer ins Extreme. Heute mit den Individualtrainern, Beratern, Videoanalysen und Co-Trainern geht das fußballerische Handwerk oft verloren, wenn der Kopf voll ist und dann nicht mal ein ganz normaler Pass ohne Gegenspieler gelingt, hat das mit Fußball oft wenig zu tun. Es beginnt ja schon bei der Sprache. Diese ganzen 3-er, 4-er und 5-er Ketten zum Beispiel. Wir haben schon 1978 unseren Libero, den Karl Hodits aufgelöst und ins Mittelfeld gestellt. Im Grunde wird nichts Neues erfunden. Das Pressing hieß früher anders: Forechecking. Sonst ist vieles gleich geblieben.

Übers Geld haben wir noch gar nicht gesprochen. Wie war das denn damals, 1974, im Meisterjahr: Der Werksklub war bekannt, dass viel Geld da ist. Konnte man als Kicker beim SK VOEST reich werden?
Nein, leider nicht. Was sich ausgegangen ist, war, dass der Partner nicht arbeiten hat müssen oder du das Doppelte von einem, der im Büro sitzt, gehabt hast. Erst Ende der 1980er-Jahre sind die Gehälter dann explodiert.

Der ehemalige Weltstar Mario Kempes hat kürzlich gemeint, er ist um 30 Jahre zu früh geboren, um richtig gut zu verdienen. Geht’s Dir auch so?
Nein, ich hadere nicht, ich hatte immer eine hervorragende Zeit. Ich war als Spieler Meister, wurde mit nicht mal 32 Jahren zum jüngsten Bundesligatrainer, hab’ den Teamkapitän Willy Kreuz und den Vizemeister-Titel nach Linz geholt. Das hat alles super gepasst, es gibt keinen Grund, irgendetwas nachzutrauern.

Und wo stehen der LASK, Blau-Weiß Linz und der SV Ried in zehn Jahren?
Ich glaube, dass der LASK zurzeit die größten Chancen hat, weiter dauerhaft erfolgreich zu sein. Inwieweit Blau-Weiß hier nachlegen kann, ist schwierig zu sagen, aber ich hoffe es. Warum soll es in einer Stadt wie Linz nicht zwei Klubs ganz oben geben – inklusive Derbys? Ried sehe ich problematisch, weil das Umfeld einer Kleinstadt nur ein bedingtes Wachstum zulässt. Aber sie werden auch ihren Weg machen.

 

 

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInPin on PinterestEmail this to someone
Zur Kategorie-Übersicht