Lärmquelle Cityrunner: Linzer “Radau-Bim” rumpelt mit bis zu 90 dB durch die City

Während bei Autos oder in der Gastronomie streng auf Grenzwerte geachtet wird, rumpeln die Linzer Straßenbahn durch die City. Messungen haben ergeben: 90 Dezibel und mehr erzeugen die Cityrunner bei ihrer Fahrt durch die Linzer Wohngebiete. Im Stadtgebiet – wo tausende Menschen direkt an der Bim-Strecke wohnen, fehlen oft entsprechende Lärmschutzmaßnahmen. Auf der neuen Strecke nach Traun wird derzeit das “Noise Breaker” System getestet – niedrige Lärmfänger, die sich mit geringem Aufwand auch in bestehende Linzer Strecken einbauen ließen. 

Am Arbeitsplatz sind bereits 50 dB “störender Lärm”, 80 dB gelten als gehörgefährdend; laut Umweltbundesamt liegen 65-70 dB im “Übergangsbereich zur Gesundheitsgefährdung”. Die WHO gibt als Grenzwert für vorbeugenden Gesundheitsschutz einen Wert von 55 dB für den Tag und 45 dB für die Nacht an. Und die Grenzwerte für Bundesstraßen liegen bei 50 dB (22 bis 6 Uhr) bzw. bei 60 dB untertags.

Sonderfall Straßenbahn
Das sind Werte, von denen die Linzer Cityrunner-Straßenbahn, die großteils durch dicht besiedeltes Gebiet fahren, zumindest im praktischen Betrieb weit entfernt sind. Bei Messungen in der Linzer Ferihumerstraße ergaben sich Werte um die 90 (!) Dezibel am Balkon und 76 dB in den Wohnungen bei gekippten Fenstern. Die Straßenbahnen sind hier – wie auch auf anderen Abschnitten in Urfahr – extrem laut unterwegs, weil mit hohem Tempo (60km/h) gefahren wird, während die Autos daneben (pikanterweise aus Lärmschutzgründen) nur mit 30 fahren dürfen. Von Freitagnacht bis Sonntag früh fahren die Straßenbahnen zudem rund um die Uhr – mit demselben Lärmpegel.

Zwischen Trauner Kreuzung und Schloss Traun wird derzeit ein System getestet, das den Lärm mindern soll – ob es allerdings auf Linzer Stadtgebiet zum Einsatz kommt, ist trotz überschaubarer Kosten mehr als fraglich. Wir plauderten mit Leopold Dietl von der Forster Metallbau GmbH, die das derzeit getestete Noise Breaker System entwickelte.

Herr Dietl – wie funktioniert Ihr Noise Breaker System grundsätzlich?
Die akustische Wirkung basiert darauf, dass die Lärmschutzwand möglichst nah an das Gleis gerückt wird, d.h. die am Schiene-Rad-Kontakt entstehenden Schall-Emissionen direkt abzuschirmen. Das Grundsystem besteht immer aus frei stehenden Betonfertigteilen und einer daran angebauten niedrigen, hochabsorbierenden Alu-Lärmschutzwand.

Wo wird es im Straßenbahn- und Nahverkehrsbereich bereits eingesetzt?
Bis dato gibt es zwei Testabschnitte. Eine im Standardverbau an der Westbahnstrecke und den Testaufbau an der RegioTram in Traun.

Unscheinbar, klein aber oho: das in der Testphase befindliche Noise Breaker System.

Unscheinbar, klein aber oho: das in der Testphase befindliche Noise Breaker System.

Ist eine Nachrüstung bestehender Straßenbahnstrecken mit dem Noise Breaker System möglich?
Aus unserer Sicht ja, wobei Straßenbahnen oft nicht in baulich getrennten Gleisanlagen geführt werden und Teil der Straße sind. Das Anbringen des Noise Breaker Systems würde immer eine bauliche Trennung bedeuten.

Messungen haben ergeben, dass die Linzer Straßenbahn im Stadtgebiet einen Lärmpegel auf Balkonen und offenen Fenstern von bis zu 90dB erzeugt. Welche Senkung ist durch das Noise Breaker System möglich?
Der jeweilige Abschirmeffekt hängt immer von einer Vielzahl von Faktoren ab. Eine verbindliche Aussage kann nur mit Hilfe einer komplexen Schallausbreitungsberechnung gemacht werden.

Welche Platzverhältnisse sind zum Einbau des Systems nötig? 
Der Abstand zum Gleis bzw. zur Straßenbahngarnitur hängt vom Typ der Straßenbahn und Lage der Türen ab. An der Türseite sind zur Entfluchtung in der Regel mindestens 80 cm erforderlich, um ausreichend Platz z.B. für Rollstuhlfahrer zu bieten. Die Abschirmung ist natürlich umso höher, je näher man an die Straßenbahngarnitur heranrückt. Das System, das in Traun verbaut wurde, hat eine Breite von ca. 75 cm und eine Höhe von 100 cm über Gleis.

In welcher Höhe muss das System ausgeführt werden, damit auch höherstöckige Häuser wie etwa in der Ferihumerstraße in Urfahr entsprechend geschützt werden?
Aus meiner Sicht ist ein Höhe über 100 cm nicht erforderlich, jedoch sollte das System weniger Abstand als 80 cm Abstand von der Straßenbahngarnitur haben. Wobei auch hier gilt: Ohne detaillierte Simulation, Daten der Straßenbahngarnitur (Ausführung der Radkästen, Lage des Motors oder der Klimaanlage, etc.), Lage von Gleis und anliegenden Häusern lässt sich hier keine konkrete Aussage treffen.

Im Falle der Nachrüstung einer bestehenden Straßenbahnlinie: Mit welchen Kosten ist pro hundert Meter zu rechnen?
Da wir bis dato nur zwei sehr kurze Testabschnitte gebaut haben, sind die Errichtungskosten noch schwer abzuschätzen. Wir gehen jedoch davon aus, dass bei einer größeren Verbaulänge Laufmeter-Preise von 500,- bis 600,- Euro möglich sein sollten.

Wird das Noise Breaker System durch Pflanzenbewuchs beeinträchtigt?
Ein „grünes“ Gleis bringt sogar Vorteile, ein Bewuchs außerhalb des Systems sollte keinen Einfluss haben.

Ist ein Einbau bei parallel laufendem Straßenbahnbetrieb möglich?
Parallel sicher nicht, da man zu knapp am Gleis arbeitet. Jedoch ist eine Errichtung in kürzeren Zeiten wie z.B. in den Nachtstunden möglich.

Wie viel Zeit benötigt der Einbau ungefähr?
Bei paralleler Vorbereitung des Untergrunds sind sicher 200 Laufmeter je Tag möglich.

Wie lange ist die Mindesteinbaulänge, um einen lärmmindernden Effekt für z.B. ein oder ein paar freistehende Häuser zu erwirken?
Wie bereits erwähnt ist hier auch nur eine sehr grobe Abschätzung möglich. Mindestens Länge der zu schützenden Häuser + jeweils 50m Überstand + Abstand zum Haus + Länge der Zuggarnitur.

Story/Interview: wilson holz

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