Blau-Weiß Linz: Wozu noch das Ganze?

Nach dem Lizenzverzicht für die Bundesliga kommt es bei Zweitligist Blau-Weiß Linz genau so, wie erwartet: Die Spieler, denen im Winter trotz Tabellenführung unter die Nase gerieben wurde, dass der Verein freiwillig auf den Aufstieg in die Bundesliga verzichtet, zeigen, was sie von dieser Einstellung des Vorstandes halten: Beim 0-5 gegen Abstiegskandidat Klagenfurt unterstrichen sie den Wunsch der Klubführung, nicht rauf zu wollen, mit Nachhaltigkeit. Fein ist das nicht, aber sehr wohl eine logische Konsequenz eines in allen Belangen überforderten Vorstandes. Schön langsam stellt sich die Frage: Wozu eigentlich noch das Ganze?

Der Neustart des Klubs 2017 war ein klassischer aufgelegter Elfer ohne Tormann: Aber wer dachte, nach der Langzeit-Ära von Hermann Schellmann als Präsident (1997-2017) könnte es beim FC Blau-Weiß Linz eigentlich nur professioneller und besser werden, irrte gewaltig. Von Anfang an wurde herumgeeiert, eine großteils visionsleere “Agenda 2027” mit dutzenden Phrasen präsentiert. Einziger wirklich greifbarer Inhalt: Man will bis 2027 aufsteigen. Aufsteigen – welcher Verein will das nicht? Sonst war da nicht viel – schon gar nicht die Vision eines sanierten Donauparkstadions. Es sollte sich mittlerweile selbst bis ins Blau-Weiß Büro in der Tabakfabrik herumgesprochen haben, dass eine eigene (kleine) Heimstätte essentiell ist, um überhaupt überleben zu können.

Apropos Büro in der Tabakfabrik: Was wurde eigentlich daraus? Die derzeit coolste Venue der City wäre das nächste Heimspiel gewesen – mit Fanshop, Kommunikationsort und vielleicht einem feinen Clubraum samt regelmäßigen Clubtreffs? Nichts von alledem, der Umzug in die Tschickbude verpuffte genauso wie der Klub-Neustart im völligen Nichts. This is how not to make Marketing.

Wenn bei dieser neuen Vereinsführung etwas wirklich nachhaltig und von Bestand ist, dann das weiter nicht bundesligataugliche Agieren des Klubs, das Ex-Präsident Hermann Schellmann eingeführt und viele Jahre lang vorgelebt hat. Jetzt scheint sogar das Herz verloren gegangen zu sein. Was wurde in den letzten beide Jahren an Aktionen gestartet, an Öffentlichkeitsarbeit gemacht, um alte Fans zurückzugewinnen oder neue an Bord zu holen? Siehe Umzug in die Tabakfabrik: Nichts, null komma Schellmann.

Das hat auch seine – leider sehr schlechten – Gründe. Nach dem Abgang des teilweise nicht wirklich motivierten, millionenschweren Nachfolge-Präsidenten Walter Niedermayr übernahm mit Christian Wascher ein eher farbloser “No Name” und hauptberuflicher Außendienstverkäufer erst den Job des Marketingvorstandes, dann noch jenen des Obmannes eines Profiklubs, obwohl sowohl berufliche Erfahrung als auch die Ausbildung dazu fehlten, abgesehen von ein paar Lehrjahren als “Marketingleiter” bei einem OÖ Liga Klub im Süden von Linz.

Und der restliche Vorstand? Der wurde nicht wie anderswo üblich mit Unternehmern, Meinungsbildnern, Netzwerkern Gönnern oder Wirtschaftstreibenden erweitert, sondern mit Stehplatzfans und “kleinen” Leuten – etwa einem Sparkassenmitarbeiter oder einem Wettunternehmenangestellten. Statt mit Professionalität ging man bei der Suche nach weiteren Vorstandsköpfen nach dem Prinzip “Wer will denn gerne?” vor. Jetzt sollen noch drei weitere Leute in die Vereinsführung aufrücken. Wer das sein wird? Möglicherweise der Fahnenschwenker von der Stadionlaufbahn, der Pommesverkäufer vom Stehplatz oder einer der Ballbuben. Man darf gespannt sein.

Als es noch brannte im Linzer Donaupark...

Als es noch brannte im Linzer Donaupark…

Das allergrößte Manko: Der Verein hängt nach wie vor sehr stark am Tropf der Stadt (mitsamt seinem zu bespielenden Stadion) und Bürgermeister Klaus Luger, einem der treuesten Anhänger des Klubs. So gelang es in den letzten Jahren nicht, auch nur einen einzigen zug- und finanzkräftigen neuen Partner an Land zu ziehen. Alle paar Monate wird eine Minifirma als neuer “Top-Partner” präsentiert – schön, aber das klingt alles ein wenig nach 2. Klasse Mitte Nord und “Hurra, wieder eine 200-Euro-Werbebande verkauft.”

Mit der LINZ AG ist nach wie vor ein stadteigener Betrieb der einzige echte Großsponsor; bei dem einen oder anderen Heimspiel trat die Stadt Linz als Matchpartner auf – ja eh, aber echtes, ehrliches Sponsoring geht anders. Und auch ein weiterer Premium-Partner – der Flughafen Linz – ist zu 100% im Eigentum von Stadt (und Land). Diese Art von ‘Sponsorenpool’ ist zwar eine momentan sichere und angenehme Sache, zeitgemäß ist sie aber nicht. Es könnte gut sein, dass Bürgermeister Luger nach der Wahl 2021 Geschichte ist – und damit auch das Geschäftsmodell von Blau-Weiß Linz. Spätestens dann wird es dem Marketingvorstand Wascher, der eigentlich Parter aufreißen müsste, auf den Kopf fallen, nicht zeitgerecht für eine breit aufgestellte Partner- und Sponsorenriege – wie man sie bei LASK oder den Black Wings findet – gesorgt zu haben. Donau Linz-Manager Kurt Baumgartner, ein absoluter Kenner der Linzer Fußballszene, sagte es kürzlich im Gespräch klipp und klar heraus: “In zwei Jahren gibt’s Blau-Weiß in dieser Form nicht mehr.”

Auch in der öffentlichen Wahrnehmung sprintet der Klub mit höchstmöglichem Tempo in Richtung Bedeutungslosigkeit. Trotz langer Tabellenführung im Herbst wurde die 1.000-Zuschauer-Marke nur selten übersprungen, das letzte Heimspiel sahen gerade noch 700 Fans – von denen einige ihren Verein aber trotzdem immer noch als “Kultklub” bezeichnen. Wenn Unprofessionalität und Ziellosigkeit als Kult definiert werden, mag das wohl stimmen. Sogar im Vergleich zur letzten Saison, als der Klub Letzter wurde, gab es trotz heuriger Top-Performance ein Zuschauer-Minus von fast drei Prozent. Blau-Weiß hat sich  in den letzten beiden Jahren statt nach oben in die entgegengesetzte Richtung zum Minderheitenprogramm atomisiert. Und der freie Fall  in die absolute Bedeutungslosigkeit ist noch nicht zu Ende. Die wenigen verbliebenen Fans träumen immer noch von Duellen gegen den LASK in der Bundesliga. Irgendwie fischelt das extrem nach jener Musikkapelle, die auf der Titanic selbst dann noch spielte, als das Wasser bereits bis zur Unterlippe stand.

Es ist die Frage zu stellen, ob es Sinn macht, in dieser Form weiterzuwursteln. Ex NEOS-Boss Matthias Strolz würde sagen: “Blau-Weiß, wos is los mit dir?” Die wenigen, aber treuen Fans des FC Blau-Weiß Linz klopfen dem Vorstand dennoch weiter auf die Schulter. Das kann und wird auch so bleiben. Und das kann man auch gut finden – mit dem Verweis, “nicht größenwahnsinnig wie andere” werden zu wollen. Mit Größenwahn hat der Wunsch nach einer eigenen kleinen Heimstätte oder ein Aufstieg in die österreichische Bundesliga aber mittlerweile genauso wenig zu tun wie der FC Blau-Weiß Linz mit einem professionell geführten Profi-Verein.

Lösungen? Entweder ein zweiter, echter Neustart – was für den aktuellen Vorstand um Wascher und den ebenso “bemühten” (man beachte die Anführungszeichen) Ex-Goalie Wimleitner einen – viel sagen längst fälligen – Tritt in den Hintern bedeutet. Oder man zieht die Reißleine und macht Schluss. Das Projekt “SK VOEST NEU” des Jahres 1997 war ein spannender Versuch, gegen die damalige Großmannssucht der Fusionäre, anders als beim GAK sind in den Jahren aber immer mehr Mitstreiter abhanden gekommen, die Wirtschaft hat den neuen Klub ebenso wenig angenommen wie die Öffentlichkeit. Es wäre durchaus vertretbar, den Verein auslaufen zu lassen – oder mit einem kleineren Linzer Klub wie Donau zu fusionieren. Dort hat man ein Stadion, ein funktionierendes Vereinsgeflecht und das Fußballerherz am richtigen Fleck. Es gab im letzten Jahr sogar Gespräche darüber, Blau-Weiß Linz habe aber zu hoch gepokert und abgehoben agiert.

In der jetzigen Form hat das alles jedenfalls keinen Sinn mehr. Die handelnden Personen zeigen mit großer Intensität, dass sie überfordert oder an mehr Arbeit desinteressiert sind. Auch der umstrittene Alt-Präsident Hermann Schellmann hatte mal übrigens Nein zum Aufstieg gesagt und war ein großer Freund der hemdsärmeligen Unprofessionalität. So gesehen muss man dem neuen Vorstand zum kontinuierlichen Weg gratulieren. Willkommen im Nichts.

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