Post City: “Eine Ikone des zukunftsweisenden Städtebaus?”

Starke Worte von Andreas Kleboth, der wohl gewichtigsten Linzer Stimme aus der Architektenszene, was Stadtplanung und -entwicklung betrifft: Als Teil der neu gegründeten Städtebaulichen Kommission entscheidet Kleboth über die Voraussetzungen der wichtigsten Bauvorhaben in der Landeshauptstadt mit, noch lange bevor der erste Bagger auffährt. Im LINZA-Talk spricht Kleboth u.a. über die neue Post City und über das Thema Hochhäuser in Linz. 

Herr Kleboth, sind Sie mit den Einreichungen und den drei Siegerprojekten für die Post City zufrieden?
Da ich nicht in der Jury war, kann ich zu den eingereichten Projekten nichts sagen. Die Vielfalt der drei erstgereihten Projekte zeigt das Potenzial des Standorts auf. Es ist ein Glück, dass die Jury die Möglichkeit hatte, aus so grundlegend verschiedenen Entwürfen zu wählen.

Was zeichnet das Siegerprojekt besonders aus?
Die Idee, ein Cluster aus ca. 60 Meter hohen Häusern zu bilden, ist zugleich reizvoll und maßgeschneidert für diesen spezifischen Ort. Damit bekommt Linz an diesem neuralgischen Punkt ein neues Landmark und es wird direkt am Bahnhof ein einladender, unverwechselbarer städtischer Raum mit vielfältigen Angeboten für Reisende, Pendler, Arbeitende und Bewohner realisiert. Dieses Ensemble aus Türmen zeigt einen Weg auf, wie in zentralen städtischen Lagen verdichtet und zugleich ein großzügiger, vielschichtiger öffentlicher Raum geschaffen werden kann.

“Vielschichtiger, öffentlicher Raum”: Klingt sehr allgemein. Details?
Dazu ein kleiner Exkurs: Für den Umbau unserer Gesellschaft im Zuge der Klimakrise spielt der Siedlungsraum eine entscheidende Rolle: Städte und Siedlungsräume müssen wesentlich kompakter werden, um den Autoverkehr minimieren zu können. Das heißt, wir müssen unsere Städte auf kleinerer Fläche verdichten. Wenn wir trotzdem ausreichend Frei- und Grünräume in den Stadträumen bewahren wollen – diese sind im Übrigen unvermeidlich, um die sommerliche Überhitzung zu reduzieren – müssen wir die Häuser vertikal verdichten, also verstärkt in die Höhe bauen.

Es gibt da und dort den Vorwurf, die Stadt Linz resp. die Städtebauliche Kommission hätte im Vorfeld des Post City-Projekts ungenügende Vorgaben gemacht. 
Die Aussagen der städtebaulichen Kommission sollen dazu dienen, für die Stadt Linz öffentliche Interessen zu formulieren und als Vorgabe für die Projektentwickler zu dienen. Es ist nicht die Rolle der städtebaulichen Kommission, darüberhinausgehend inhaltliche Rahmenbedingungen für das Projekt zu erstellen. Unsere städtebaulichen Vorgaben waren, wie ich finde, sehr präzise und auch inspirierend. Dazu kann sich jeder Interessierte auf der Homepage der Stadt Linz unter -> LINK selbst ein Bild machen.
Davon abgesehen, war es das Anliegen von Vizebürgermeister Markus Hein, vor dem Realisierungswettbewerb ein kooperatives städtebauliches Verfahren abzuhalten, um präzise städtebauliche Rahmenbedingungen zu definieren. Leider waren zu diesem Zeitpunkt die Vorarbeiten der Projektentwickler schon zu weit fortgeschritten und sahen einen zweistufigen, anonymen, mit der Architektenkammer abgestimmten Realisierungswettbewerb vor.

Der Standort Post City wird allgemein als prädestiniert für Hochhäuser gesehen. Wäre es trotz der immensen Bruttogeschoßflächen-Vorgaben auch ohne Türme gegangen?
In unmittelbarer Umgebung gibt es bereits mehrere Türme, diese zu ergänzen und damit den Standort noch klarer zu positionieren, erscheint mir aus städtebaulicher Sicht konsequent und zielführend. Die vertikale Verdichtung stellt durch den relativ kleine verbaute Fläche sicher, dass großzügige Frei- und Grünflächen erhalten bleiben – und stellt zudem eine gute Belichtung aller Geschosse sicher. Speziell am Bahnhof ist ein gut dimensionierter und vielfältig nutzbarer Stadtraum für die zahlreichen Passanten und Fahrgäste sowie die hier Lebenden ein verlockendes Angebot. Dafür ist es unerlässlich, dass die Bauten einen ‚schlanken Fuß‘ haben. Niedrigere Baukörper bedingen hingegen einen höheren Bebauungsgrad, das heißt statt in die Vertikale erstrecken sich die Gebäude stärker in die Horizontalen, es wird ein größerer Teil des Grundstücks verbaut.

Andreas Kleboth: "..."

Andreas Kleboth zu Siegerprojekt der neuen Post City: “Eng zusammenstehende Türme haben einen ganz besonderen Reiz”

Sind elf annähernd gleichwohl Hochhäuser nebeneinander nicht absurd – stehen die sich nicht gegenseitig im Weg?
Eng zusammenstehende Türme haben einen ganz besonderen Reiz. Das kennen wir von den klassischen Hochhausstandorten wie Manhattan oder Hong Kong. Die elf schiefwinkeligen, relativ eng stehenden Solitäre spannen ein Raumgefüge mit interessanten Durch- und Ausblicken auf. Damit wird nicht nur die Aussicht wichtig, sondern auch das Gegenüber, das benachbarte Haus, rückt ins Blickfeld und schafft eine reizvolle Blick-Beziehung.

Da und dort gibt es den Vorwurf, das Siegerprojekt wäre zu stark dem kommerziellen Gedanken gefolgt. Stimmt das Gleichgewicht zwischen optimaler Verwertung und maximalen städtebaulichem Mehrwert?
Prinzipiell sind ‚optimale Verwertung‘ und ‚städtebaulicher Mehrwert‘ kein Gegensatzpaar. Wenn wir davon ausgehen, dass wir jeden Quadratmeter Boden bestmöglich nutzen sollten, kann das für Orte ganz unterschiedliche Konsequenzen haben.

Welche genau?
Das kann heißen, Räume unverbaut zu lassen und den Naturraum optimal zu schützen und, in gleicher Konsequenz an anderer Stelle, Orte besonders intensiv zu bespielen. Es stellt sich daher bei jeder Bebauung die Frage, ob das Vorhaben das Standortpotenzial optimal nutzt. An zentralen, hochfrequentierten Orten wie der Post City braucht es neben der hohen Bebauungsdichte auch eine hohe Wertigkeit des Stadtraums bei der Umsetzung – sowie Angebote, die Menschen anlocken, und Gestaltungen, die eine hohe Aufenthaltsqualität sicherstellen.

Ihre Erwartungen?
Konkret gehe ich in der Post City davon aus, dass die Stadt Linz in einem detaillierten städtebaulichen Vertrag, hohe Qualitätsstandards beim Entwurf und eine ausgezeichnete Ausstattung des öffentlichen Raums festschreibt, und darüber hinaus sicherstellt, dass die ebenerdigen Flächen dauerhaft öffentlich zugänglich bleiben.

Die angespannte Luftsituation, der Verkehr – einerseits die mit hoher Frequenz fahrende Bahn, andererseits die Waldeggstraße/Westring… das klingt nicht sehr kuschelig. Ist der Standort PostCity überhaupt geeignet fürs Wohnen?
Die vorhandene Widmung ‚Kerngebiet‘ ermöglichte schon vor dem Wettbewerb, hier Wohnraum zu schaffen. Die Frage “Wohnen ja oder nein” war daher schon vor dem Verfahren beantwortet. Da bekanntlich die Anforderungen ans Wohnen sehr individuell sind, wird es mit Sicherheit genug Menschen geben, die hier wohnen wollen.

Was spricht dafür?
Die Qualitäten des Standorts können manche Nachteile überwiegen: spannende Aussicht, etwa auf das faszinierende Geschehen auf den Gleisen, urbanes Lebensgefühl, Eisenbahnanschluss direkt vor der Wohnungstüre und damit optimale Vernetzung von Wien bis München und darüber hinaus. Mir ist wichtig, dass sich die Unterschiedlichkeit der Menschen auch in einem vielfältigen Angebot für Wohn- und Lebensräume widerspiegelt. Und da kann die Post City dem Linzer Wohnungsmarkt eine neue Facette hinzufügen.

Die Visualisierung der neuen Post City: Es geht mit den elf Türmen knapp bis zu 70 Meter in die Höhe (Foto: Nussmüller/Mathy

Die Visualisierung der neuen Post City: Es geht mit den elf Türmen knapp bis zu 70 Meter in die Höhe (Foto/Rendering: Nussmüller/Mathy)

Wäre die Post City eigentlich nicht eher für das neue Stadion ein idealer Standort? Im Gegenzug könnte man am Areal des Linzer Stadions ein urbanes Wohn-/Arbeitsprojekt entwickeln.
Die Idee an dieser Stelle das neue Fußballstadion zu errichten – vielleicht darunter mit einem Möbelhaus – fand ich auf den ersten Blick auch sehr spannend. Da hätte ein aufregender Ort entstehen können. Allerdings ist dieser perfekt erschlossene Standort vor allem für vielfältige Alltagsfunktionen und -angebote mit hoher Frequenz prädestiniert. Alltagsdestinationen nutzen die Lagegunst weit besser als ein Stadion, das nur einmal in 14 Tagen für wenige Stunden eine hohe Frequenz generiert.

Ist das Thema Mobilität beim Siegerprojekt – Stichwort Parkgarage mit 2.500 Stellplätzen – optimal gelöst oder muss es hier noch Nachschärfungen in Form einer Umgewichtung geben?
Die Anzahl der Stellplätze ist kein Ergebnis des Wettbewerbs, sondern wurde im Vorfeld als Projektvorgabe festgelegt und von allen Projekten gefordert. Meines Erachtens sollte die Anzahl der Stellplätze und deren Zweckwidmung noch einmal überdacht werden.

Wie weit lässt sich die Situation am neuen Waldegg-Knoten des Westrings entschärfen – oder sind hier Konflikte vorprogrammiert?
Dieser Stadtraum wird ein riesiger Verkehrsraum. Ich habe keinerlei Fantasie, wie man diesen Bereich atmosphärisch verbessern könnte. Allerdings ließe sich durch zusätzliche Brücken die Fuß- und Radwegrelation z.B. vom Bahnhof zur Gugl wesentlich verbessern.

Wieviele Wohn- und Büro-Hochhäuser verträgt der Markt in Linz noch?
Der Großraum Linz wächst stetig und ich finde es super, wenn dieses Wachstum im Stadtzentrum erfolgt. Innerstädtische Nachverdichtung trägt zur Belebung des Stadträume bei, entspricht zu 100 Prozent der Idee der kompakten ‚Stadt der kurzen Wege‘, minimiert die Abhängigkeit vom Auto und verleiht Linz mehr städtisches Leben.
Aufgrund der Flächenknappheit im Zentrum sollte eine vertikale Verdichtung, an geeigneten Stellen auch hohe Häuser forciert werden.

Die Nachfrage ist da?
Ich bin davon überzeugt, dass die Sehnsucht nach dem Leben in hohen Häusern groß ist und daher für diese Angebote eine hohe Nachfrage besteht. Selbstverständlich braucht eine Vergrößerung der baulichen Leithöhen, die Genehmigung von hohen Häusern Begleitmaßnahmen und klare städtebauliche Vorgaben.

Welche genau?
Zum Beispiel sollte in Zukunft bei der Konzeption der hohen Häuser auf eine verstärkte soziale Durchmischung geachtet werden. Außerdem würde ich für Hochhäuser kein herkömmliches Wohnungseigentum zulassen. Häuser müssen, wenn ihr Lebenszyklus technisch, funktional oder in Bezug auf ihre Nutzung zu Ende ist, auch wieder – relativ leicht – abgerissen werden können. Dann kann der Stadtraum wieder umgestaltet und auf geänderte Anforderungen reagiert werden. Das trifft für alle Gebäude an neuralgischen Stellen in der Stadt zu, insbesondere aber für eine derart spezifische Bauform wie ein Hochhaus.

Tabakfabrik, Die Drei Türme, Bulgariplatz, Post City – hier sind überall große Hotels zentrale, tragende Punkte der Hochhaus-Projekte. Besteht nicht hier auch die Gefahr eines Betten-Überangebots?
Das ist das Risiko jedes Investors und soll der Markt regeln. Aber generell ändern sich die Rahmenbedingungen für Hotels ziemlich rasch (man sieht ja bei den Linzer Hotels wie schnell diese in die Jahre kommen), diese Immobilien werden aus wirtschaftlichen Gründen in relativ kurzer Zeit abgeschrieben.

Und aus städtebaulicher sowie ökologischer Sicht?
Da ist es wichtig, dass Hotels so realisiert werden, dass sie relativ leicht zu anderen Beherbergungsformen, etwa zu Wohnungen oder zu Büros, umfunktioniert werden können. Dafür sollte auf eine ausreichend flexible Flächenwidmung, eine entsprechende Raumhöhe und eine flexible Baustruktur im Zuge der Genehmigung geachtet werden. Das geht z.B. über Vorgaben des Gestaltungsbeirats oder über städtebauliche Verträge.

Die Städtebauliche Kommission hat bereit mehrmals sehr gekonnt ihre Zähne gezeigt – etwa beim Schillerpark-Projekt oder den Nestle-Gründen. Wie bewerten Sie die bisherige Arbeit der Kommission?
Wir haben an vier sehr unterschiedlichen Standorten versucht, die öffentlichen Interessen, konkret die Interessen der Stadt Linz, zu artikulieren. Das hat bei allen bisherigen Workshops zu spannenden und weitreichenden Perspektiven geführt, bei der Post City war das Ergebnis das Sphärenmodell und die Erkenntnis, dass die Post City ein Interface zur Stadt und zwischen Städten sein sollte.

Und bei anderen Projekten?
Beim Nestle-Areal entdeckten wir, welches enorme Potenzial vorhandene innerstädtische Gewerbegebiete für Linz haben; beim Lutz-Donauparkstadion, welche großen Chancen sich hier durch Kooperationen der Grundeigentümer und durch intensive Vernetzung des öffentlichen Raums ergeben; und zuletzt beim Schillerpark, welche Aufgabe die südliche Landstraße für die Innenstadt erfüllen müsste. Besonders spannend finde ich bei der städtebaulichen Kommission die intensive Diskussion und Kooperation von Mitgliedern der Linzer Stadtplanung mit uns externen Konsulenten. Und wie durch klare Artikulation der städtischen Interessen die Immobilienprojekte durch die erweiterte Perspektive weit besser in die Stadtumgebung integriert werden – und das zum Wohl sowohl der Stadt als auch der Investoren.

Das Thema Hochhaus wird in Linz nach wie vor sehr kontroversiell diskutiert. Ist die Stadt mit ihrem relativ offenen Zugang hier am richtigen Weg?
Das Streben in die Vertikale war ein historisches Grundprinzip der europäischen Stadt. Dann kam die Moderne mit der Priorisierung des Autos und der Betonung des Horizontalen. Wenn wir die Stadt wieder unabhängig vom Auto organisieren wollen, müssen wir zur Vertikale zurückkehren. Vertikale Verdichtung ist aber nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor auch ein faszinierendes, emotionales Alternativangebot zum Flächenfraß der Einfamilienhäuser und zur Beliebigkeit der suburbanen Siedlungsbauten. Für diesen neuen Weg im Städtebau könnte das Post City Projekt eine Ikone werden.
So gesehen bin ich sicher, dass der Linzer Weg, Hochhäuser möglich zu machen, richtig ist.

Sie müssten doch selber ein gebranntes Kind sein: Ihr ‘Weinturm’-Hochhaus-Projekt wurde trotz allgemeiner Begeisterung abgelehnt.
Das ist ein guter Beleg, dass die Stadt entlang klarer Vorgaben vorgeht und nicht alle Hochhäuser zulässt. Natürlich führen Hochhäuser immer zu kontroversiellen Diskussionen. Türme wecken seit jeher starke Emotionen, schließlich prägen sie das Stadtbild stärker als andere Bauformen. Eine intensive Diskussion über diese Bauvorhaben finde ich wichtig und für unsere Stadtgesellschaft auch unerlässlich.

Interview: wilson holz

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