Wir reden über Gewalt, wenn sie passiert. Über Täter und Opfer, Strafen, Polizei und Schutzmaßnahmen. Aber reden wir genug darüber, warum Menschen überhaupt gewalttätig werden? Genau diese Frage stand kürzlich beim 1. Linzer Symposium „Persönlichkeitsbildung zur Gewaltprävention“ im OÖNachrichten Forum im Mittelpunkt. Auf Einladung des Vereins TESSANOKA trafen unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche aufeinander. Der zentrale Gedanke: Gewaltprävention muss lange vor der Tat beginnen – bei Erziehung, Bindung, Orientierung und Persönlichkeitsbildung.
Gewalt erschüttert uns vor allem dann, wenn sie passiert. Nach schweren Vorfällen folgt meist eine ähnliche Debatte: Brauchen wir strengere Gesetze? Mehr Polizei? Mehr Überwachung? Härtere Strafen? Das 1. Linzer Symposium „Persönlichkeitsbildung zur Gewaltprävention“ richtete den Blick allerdings bewusst auf einen Zeitpunkt lange vor der eigentlichen Tat. Denn Gewalt beginnt nicht mit dem ersten Faustschlag. Sie hat eine Vorgeschichte. Zwischen Kindheit, Erziehung, persönlichen Erfahrungen, fehlender Orientierung, Kränkungen, ungelösten Konflikten und einer späteren Gewalttat können Jahre liegen. Genau dort eröffnen sich Möglichkeiten für Prävention.
Was passiert vor der Gewalt?
Der Ansatz des vom Verein TESSANOKA veranstalteten Symposiums: Nicht nur fragen, wie eine Gesellschaft auf Gewalt reagieren kann, sondern auch, was getan werden kann, bevor Gewalt überhaupt entsteht. Wie lernen Kinder, mit Frustration und Zurückweisung umzugehen? Wie entwickeln sie Selbstkontrolle und Empathie? Wie lernen junge Menschen, ein Nein zu akzeptieren, eigene und fremde Grenzen zu respektieren, Verantwortung zu übernehmen und Konflikte auszutragen, ohne Gewalt einzusetzen? Diese Fähigkeiten entstehen nicht plötzlich im Erwachsenenalter. Persönlichkeitsbildung beginnt in der Familie, setzt sich im Kindergarten und in der Schule fort und findet ebenso in Sportvereinen, Jugendorganisationen und anderen Gemeinschaften statt. Damit ist Gewaltprävention mehr als ein Sicherheits- oder Justizthema. Sie wird zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Initiator Norbert Obermayr hatte diesen Grundgedanken bereits im Vorfeld auf den Punkt gebracht: „Wenn der menschliche Trieb im entscheidenden Moment stärker ist als die Angst vor Strafe, könnten Gesetze und Überwachung nur begrenzt wirken. Persönlichkeitsbildung müsse deshalb früher ansetzen.“

„Charakter statt Gewalt“
Einen zentralen fachlichen Impuls lieferte der Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli. Sein Vortrag stand unter dem Titel „Charakter statt Gewalt. Warum innere Freiheit, Selbststeuerung und Verantwortung die beste Gewaltprävention sind“. Damit rückte die Persönlichkeitsentwicklung ins Zentrum. Wer gelernt hat, Frustrationen auszuhalten, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und Grenzen anderer zu respektieren, verfügt über wichtige Werkzeuge, um Konflikte anders als mit Aggression und Gewalt auszutragen. Eine besondere Rolle spielt dabei auch der Umgang mit Kränkungen. Zurückweisung, mangelnde Anerkennung und Niederlagen gehören zum Leben. Entscheidend ist, welche Strategien Menschen entwickeln, um damit umzugehen. Persönlichkeitsbildung bedeutet daher nicht, Konflikte zu verhindern. Sie soll Menschen vielmehr dazu befähigen, mit Konflikten umzugehen.
Wer erzieht die Zukunft?
Genau darum ging es auch bei der Podiumsdiskussion unter der programmatischen Frage „Wer erzieht die Zukunft?“ Eine einfache Antwort gibt es freilich nicht. Eltern prägen Kinder anders als Lehrerinnen und Lehrer. Ein Fußballtrainer hat einen anderen Zugang zu Jugendlichen als ein Sozialarbeiter. Feuerwehrjugend, Sportvereine und andere Organisationen wiederum schaffen Gemeinschaften, in denen junge Menschen Verantwortung und Verbindlichkeit erleben. Gerade der Sport kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Im Verein geht es um weit mehr als Bewegung. Junge Menschen lernen Regeln einzuhalten, Entscheidungen zu akzeptieren, mit Erfolg und Niederlage umzugehen und sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Fairness, Selbstbeherrschung, Verlässlichkeit und Respekt werden dort praktisch erlebt. Genau diese unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche zusammenzubringen, war ein wesentliches Ziel des Symposiums.

















