LINZ, 3. Oktober 2126. – Fliegende Taxis, 400 Meter hohe Wohntürme und künstliche Intelligenz, die längst ganze Stadtverwaltungen ersetzt hat. Nur eines hat sich in Linz auch nach 100 Jahren nicht geändert: Zweimal im Jahr ist Urfahr dicht. Willkommen am Urfahranermarkt 2126.
Die wichtigste Nachricht vorweg: Es gibt ihn noch. Kriege, Klimawandel, künstliche Intelligenz und 63 Linzer Verkehrskonzepte hat der Urfahranermarkt überstanden. Sogar die zweite Schienenachse wurde inzwischen fertig – und das bereits 2118.
Auch der traditionelle Bieranstich bleibt 2126 Chefsache. Bürgermeister Dietmar Prammer lässt es sich nicht nehmen, höchstpersönlich den ersten 101,80-Euro-Krug zu zapfen. Dass Prammer inzwischen 151 Jahre alt ist, sieht man ihm kaum an. Dank medizinischer Fortschritte wurden im Laufe seiner mittlerweile 101-jährigen Amtszeit Herz, Lunge, Hüftgelenke und größere Teile des Bewegungsapparats durch Hightech-Komponenten ersetzt. Politikwissenschaftler streiten inzwischen darüber, ob Prammer noch als Mensch, Cyborg oder bereits als Teil des Linzer Stadtinventars einzustufen ist. Fest steht: Der Bürgermeister ist mittlerweile halb Mensch, halb Maschine – also im Grunde eh fast so wie heute. Beim Bieranstich braucht er trotzdem drei Schläge. „O’zapft is!“, ruft Prammer mit metallischer Stimme anschließend ins Festzelt und kündigt an, 2127 noch einmal für das Bürgermeisteramt kandidieren zu wollen. Schließlich müsse „der Sparkurs der Stadt Linz nun endlich gestartet werden, nach dieser Wahl gibt es ganz bestimmt keine Verzögerungen mehr.“ Dafür stehe er – „seit 100 Jahren!“

Für Schlagzeilen sorgt heuer allerdings ein historischer Preissprung: Erstmals hat die Maß Bier die magische 100-Euro-Grenze durchbrochen. 101,80 Euro kostet der Liter Gerstensaft, nach 99,99 im Vorjahr. Die Wirte sprechen von „unumgänglichen Kostensteigerungen“, die Arbeiterkammer von einem „schwierigen Signal“ und die Besucher bestellen trotzdem. Bezahlt wird längst nicht mehr mit Geld, sondern per Iris-Scan beim Kellner-Roboter „Sepp 7.0“. Beim obligatorischen Trinkgeld kann zwischen 30, 40 und 50 Prozent gewählt werden. Wer „kein Trinkgeld“ antippt, wird vom Roboter mit den Worten „Aha, a Wiener!“ aus dem Zelt begleitet.
Auch kulinarisch hält der Urfahranermarkt eisern an seinen Traditionen fest. Bratwürstl mit Sauerkraut gibt es selbstverständlich noch – echtes Schweinefleisch allerdings schon seit 2098 nicht mehr. Zur Auswahl stehen die „Original Urfahraner“ aus Erbsenprotein und die Premium-Version aus gemahlenen Insekten, die laut Marktamt „geschmacklich kaum vom mittlerweile völlig überholten Schwein des 21. Jahrhunderts zu unterscheiden“ ist.
Auch das Sauerkraut wurde längst an den Klimawandel angepasst. Es wird mittlerweile aus Donau-Seetang hergestellt, der wegen der inzwischen subtropischen Wassertemperaturen derart üppig wuchert, dass er das Donauufer von Urfahr bis Asten überwuchert. Zweimal täglich rücken deshalb die Mähdrohnen der LINZ AG aus und ernten das Grünzeug direkt aus dem Strom. Das Ergebnis landet wenige Stunden später neben dem Insektenwürstl am Teller. Regionaler geht’s wirklich nicht.
Noch erstaunlicher ist das Autodrom. Echte Autos sind längst aus europäischen Städten verschwunden, am Urfahranermarkt dürfen Menschen aber weiterhin selbst fahren. Schulklassen besuchen das Fahrgeschäft mittlerweile im Rahmen des Geschichtsunterrichts.
Auch die Lederhose hat sämtliche Zukunftsprognosen überlebt. Sie besteht inzwischen aus veganem Laborleder, reguliert automatisch die Körpertemperatur und misst permanent den Alkoholspiegel. Bei 1,5 Promille warnt sie, bei 2,0 bestellt sie selbstständig ein Flugtaxi und bei 2,5 lädt sie automatisch sämtliche Fotos des Abends auf Facebook hoch. Facebook existiert 2126 übrigens ebenfalls noch. Unglaubliche 85 Prozent der Nutzer sind jedoch über 100 Jahre alt, Tendenz steigend.
Noch erstaunlicher ist das Autodrom. Echte Autos sind längst aus europäischen Städten verschwunden, am Urfahranermarkt dürfen Menschen aber weiterhin selbst fahren. Schulklassen besuchen das Fahrgeschäft mittlerweile im Rahmen des Geschichtsunterrichts. „Früher haben Menschen solche Fahrzeuge tatsächlich selbst gesteuert“, erklärt eine Lehrerin. „Ohne Computer?“, fragt ein Kind. „Ja.“ – „Und die durften damit einfach nach Linz fahren?“ – „Ja.“ Die Lehrerin nickt. Die Kinder schweigen betroffen, ein paar tippen sich an die Stirn und glauben der „Frau Fessa“ (ja die nennt man immer noch so) kein Wort.
Auch das Tagada landete nicht in der Mottenkiste. Seit mittlerweile fast 200 Jahren setzt sich der Mensch freiwillig auf eine kreisrunde Bank und lässt sich so lange durchschütteln, bis ihm schlecht wird – oder die Bandscheiben explodieren. Forscher der Johannes Kepler Universität untersuchen seit 2094, warum. Ein Ergebnis gibt es noch nicht. Das Land Oberösterreich hat das Forschungsprojekt inzwischen mit 38 Millionen Euro gefördert.
Das historische Riesenrad steht ebenfalls noch, heißt inzwischen allerdings „Kleinrad“. Daneben schießt der „Mars Booster XXL“ seine Passagiere in 90 Sekunden auf 38 Kilometer Höhe. Eine Fahrt kostet 640 Euro, das Erinnerungsfoto weitere 95. Trotzdem ist die beliebteste Attraktion eine historische Virtual-Reality-Simulation namens „Rudolfstraße 2026“. Besucher bekommen eine Brille aufgesetzt und müssen an einem Freitagnachmittag während des Urfahranermarktes mit einem Auto einen Parkplatz suchen. Durchschnittliche Spieldauer: vier Stunden. Wegen extremer psychischer Belastung ist die Attraktion erst ab 21 Jahren freigegeben.
Das Parkplatzproblem selbst ist 2126 übrigens endgültig gelöst: Es gibt schlicht keine Autos und damit auch keine Parkplätze mehr. Dafür fehlen inzwischen 6.000 Stellplätze für Flugtaxis. Die Stadt Linz hat bereits reagiert und eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Kosten: 4,8 Millionen Euro. Erste Ergebnisse werden 2134 erwartet.
Sogar das ehemalige 7D-Kino aus den 2020er-Jahren hat überlebt. Nach mehreren Erweiterungen heißt es mittlerweile „38D Experience“. Niemand weiß genau, was und vor allem wo die zusätzlichen 31 Dimensionen eigentlich sind.
Das traditionelle Feuerwerk? Ist längst Geschichte. Wegen Feinstaub, CO₂, Lärm und erschreckter Robo-Dackel wurde es 2063 dann doch noch abgeschafft. Heute steigen 25.000 Drohnen über der Donau auf und simulieren klimaneutrale Raketen. Nach Protesten gegen deren Stromverbrauch dürfen sie allerdings nur noch mit erneuerbarer Energie betrieben werden, auf jeder ohne ist am Rücken ein kleines Windrad montiert. Bei Windstille bleibt der Himmel dunkel.
Sogar das ehemalige 7D-Kino aus den 2020er-Jahren hat überlebt. Nach mehreren Erweiterungen heißt es mittlerweile „38D Experience“. Niemand weiß genau, was und vor allem wo die zusätzlichen 31 Dimensionen eigentlich sind. Der Betreiber auch nicht. Aber 38D verkauft sich besser, im nächsten Jahr will er noch eins drauf legen, er plant eine Namensänderung in „39D Experience“.
Kurz vor Mitternacht sitzt schließlich ein 93-jähriger Linzer in seiner klimatisierten Lederhose vor einem Festzelt. Vor ihm steht eine 101,80 Euro teure Maß. Hinter ihm kreischen Jugendliche im Tagada, nebenan kracht es im Autodrom, über der Donau schweben Flugtaxis und irgendwo versucht gerade jemand, einen zwei Meter großen Plüschbären in eine Einpersonen-Passagierdrohne zu stopfen.
Der alte Mann nimmt einen kräftigen Schluck, schaut sich das alles an und schüttelt den Kopf. „Des is nimma mein Urfahranermarkt.“ Sein Enkel fragt: „Warum?“ Der Alte seufzt. „Früher war alles besser.“
Und spätestens da ist klar: Man kann Autos abschaffen, künstliche Intelligenz erfinden, Menschen auf den Mars schicken und für eine Maß mehr als 100 Euro verlangen. Aber eines wird selbst die Zukunft nicht schaffen: einen Linzer, der mit dem Urfahranermarkt zufrieden ist. Prost ihr Säckeeee!















