“Die Linzer haben keine Lust mehr auf größenwahnsinnige Projekte”

Mit der einstimmigen Zuweisung an den Infrastrukturausschuss hat der Linzer Gemeinderat den Weg in Richtung Volksbefragung über den Stadionstandort Pichling freigemacht. Eingeleitet hat diesen Prozess Stadtentwickler und NEOS-Fraktionsobmann Lorenz Potocnik. Im LINZA-Talk spricht er über seine Beweggründe und wie es in dieser Causa nun weitergeht.

Herr Potocnik – mit der von Ihnen initiierten Volksbefragung zum Stadion in Pichling sorgen Sie für Unruhe. Kann man über so etwas Emotionales wie ein Fußballstadion wirklich das Volk befragen?
Für Unruhe sorgt die Intransparenz und das Schweigen der LASK GmbH. So kann heute nicht mehr geplant werden. Wir reden hier von einem der einschneidensten Projekte der letzten Jahrzehnte für Linz. Die Auswirkungen und die Tragweite sind für die Stadt enorm. Es bräuchte zahlreiche Umwidmungen für dieses Projekt, was in Wirklichkeit eine Anlasswidmung für den LASK bedeuten würde. Da braucht es volle Transparenz und sachliche Argumente. Die Volksbefragung ist zum jetzigen Zeitpunkt die einzige und beste Möglichkeit, diese Transparenz und eine seriöse Entscheidungsgrundlage herzustellen.

Eine Volksbefragung ist rechtlich nicht bindend. Was machen Sie, wenn der Gemeinderat sich nicht an das Ergebnis hält?
Warum sollte sich der Gemeinderat nicht daran halten? Es wäre ein schwerer Fehler, so eine Abstimmung zu ignorieren. Davon gehe ich nicht aus.

Lorenz Potocnik am Ufer des Pichlingersees: "Der See ist es wert, dass man um ihn kämpft."

Lorenz Potocnik am Ufer des Pichlingersees: “Der See ist es wert, dass man um ihn kämpft.”

Welche Beteiligung erwarten Sie bei der Volksbefragung?
Ich hoffe, dass rund ein Fünftel der Wahlberechtigten – das wäre etwa 30.000 Menschen – an der Abstimmung teilnimmt. Nicht mitzumachen wäre für mich absolut unverständlich, weil das Thema wirklich uns alle generationenübergreifend angeht.

Wie schätzen Sie die Stimmung in der Bevölkerung ein: Wie wird die Befragung ausgehen?
Ich glaube, die Linzer haben keine Lust mehr auf größenwahnsinnige Projekte von ein paar Herren. Schon gar nicht auf Kosten der Allgemeinheit, mit Millionenförderungen im zweistelligen Bereich und mitten ins Grünland und Naherholungsgebiet. Solche Amok-Planungen waren vielleicht noch in den 1980ern des vorigen Jahrtausends möglich, aber heute geht so etwas nicht mehr.

Wenn bei dieser Befragung jetzt ein Nein zum Standort in Pichling herauskommt, verzögert sich das Projekt möglicherweise um einige Jahre. Was sagen Sie den Fans, die dann noch länger warten müssen?
Aber wo, das ist doch aus der Luft gegriffen. Die Befragung wird noch vor dem Sommer stattfinden. Es entsteht keinerlei Verzögerungen, weil der sogenannte Fristenlauf des Umwidmungsverfahrens sowieso nicht schneller geht. Wenn Zeit verloren gegangen ist, dann nur durch die unprofessionelle Standortwahl der LASK GmbH. Die Risken wurden offenbar nicht ordentlich geprüft, die Geheimnistuerei wird zum Bumerang.

Die Ausarbeitung eines neuen Standortes wird den LASK zudem nicht wenig Geld kosten. Auch die Volksbefragung wird nicht billig. Ist Ihnen der finanzielle Aspekt völlig egal?
Mir ist vor allem nicht egal, was mit dem Pichlingersee und dem Naherholungsgebiet passiert. Mir ist auch nicht egal, wer das Risiko, den Schaden und die enormen Folgekosten trägt. Ich bin Gemeinderat, mein Job ist das öffentliche, städtische Interesse. Mich interessiert, was in zehn, 20 oder 50 Jahren passieren wird und was so ein Stadion auf die grüne Wiese für Folgen hat. Das Stadion beim Pichlinger See ist ein Hoch-Risiko-Projekt. Die Intransparenz ist eine Provokation.

Und warum kann dann die Politik nicht entscheiden, sondern wird diese Frage mit zusätzlichen Kosten aufs Volk abgewälzt?
Die Volksbefragung ist ein demokratisches Instrument, das die Stadt und der Gemeinderat nutzen kann. Über die Kosten können wir sprechen, dann sollten wir aber grundsätzlich über Demokratie sprechen.

Warum haben Sie im Vorfeld nie das Gespräch mit den LASK-Verantwortlichen gesucht?
Der LASK ist Bauwerber, der LASK will etwas von der Stadt und von den Linzer Bürgern. Es ist Aufgabe des LASK, auf die Mitglieder des Gemeinderats zuzugehen. Kann es sein, dass der LASK geglaubt hat, es genügt mit den Herren  Strugl und Stelzer bzw. auf städtischer Ebene mit Herrn Luger und Herrn Hein zu sprechen? Kann es sein, dass der LASK geglaubt hat, das über die Köpfe der Bevölkerung hinweg machen zu können?

Potocnik beim möglichen Stadion-Standort in Pichling: Kann es sein, dass der LASK

Potocnik über Volksbefragungen: “Es ist Zeit, dass wir das viel öfters machen.”

Waren Sie schon überhaupt mal in einem Fußballstadion?
Ja seit langem wieder einmal und zwar auf der Gugl, um mir das Spiel des LASK gegen Besiktas zu geben.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, um die Volksbefragung noch abzuwenden?
Warum sollte diese nicht stattfinden? Warum sollte man sich davor fürchten? Ich begrüße es, dass alle Linzer gut informiert werden und über eine mögliche Umwidmung und enorme Förderungen plus Folgekosten abstimmen können. Es ist Zeit, dass wir das viel öfters machen. Falls der Gemeinderat diese Volksbefragung doch nicht in die Wege leitet, werde ich dafür sorgen, dass sie über eine Unterschriftenliste initiiert wird. 5.400 Unterschriften sind dafür zu sammeln.

Könnte es auch bei anderen Standorten zu weiteren Volksbefragungen kommen – oder würden Sie auch diese unterstützen?
Das ist nicht meine Entscheidung. Jede Gruppe kann mit 5.400 Unterschriften eine Volksbefragung einleiten – egal zu welchem Thema oder Projekt. Wenn man alle betroffenen Gruppen wie im aktuellen Fall fast ein Jahr lang im Ungewissen lässt, ist es fast logisch, dass sich kritische Stimmen erheben und diese das Heft in die Hand nehmen.

In welchen Zeitraum soll die Volksbefragung durchgeführt werden?
Voraussichtlich wird der Zeitpunkt und die konkrete Fragestellung in der Januar-Gemeinderatssitzung beschlossen. Wenn diese über einen Beschluss im Gemeinderat kommt, dann wird der Termin sicher vor dem Sommer 2019 oder noch früher sein.

Ist im Jahr 2018 überhaupt noch irgendein Standort möglich, bei dem es nicht sofort Anrainerproteste gibt?
Selbstverständlich. Gut vorbereitet und kommuniziert gibt es einige Standorte im Linzer Ballungsraum. Auch in diesem konkreten Fall, wehrt sich eine Mehrheit gegen den Standort im Naherholungsgebiet und im Grünzug, nicht grundsätzlich gegen ein Stadion.

Dem Verein und den Anhängern wäre ein Standort auf Linzer Stadtgebiet wichtig. Weil sie immer von vielen anderen möglichen Standorten sprechen: Wo in Linz wäre denn ein geeigneter Platz?
Ich kann mir einige vorstellen. Auch ein Überbauen oder eine Nachnutzung einer Brache ist möglich. Ich denke aber, dass es zuerst um einen guten, öffentlich gut angebundenen, flächenschonenden Standort geht, wenn dieser nicht in Linz ist, dann eben nicht. Linzer Gemeindegebiet ist, so denke ich, kein wesentliches Kriterium für einen oberösterreichischen Club, auch wenn es anders dargestellt wird. Zumal der LASK sich in seiner Kommunikation als “Stolz von Oberösterreich” und der Verein ALLER Oberösterreicher sieht. Insofern kann ich dieses Linz-Kastldenken absolut nicht nachvollziehen.

Der LASK wollte bereits 2022 im neuen Stadion in Pichling spielen. Skizzieren Sie doch mal einen neuen möglichen Zeitplan – im Hinblick auf einen anderen Standort.
Die Standortsuche muss aus meiner Sicht zurück an den Start – und zwar interdisziplinär. Mit Architekten und Raum- und Verkehrsplanern. Derzeit wurde mit selbstauferlegtem, völlig sinnlosen Zeitdruck offenbar einfach nach leerem Ackerland gesucht. Da sollte dringend kreativer nachgedacht werden. Der derzeitige Standort ist einfach komplett ungeeignet. Die Deadline in Pasching sehe ich als künstlich inszeniert, um Druck aufzubauen. Falls sich das wirklich nicht verlängern lässt, muss der LASK halt zurück auf die Gugl, die Spielstätte war bis vor ein paar Jahren ja auch kein Problem.

Apropos Gugl: Sie haben auch mal das Linzer Stadion als neuen, alten Standort ins Spiel gebracht.
Ja warum denn nicht? Auch ein erneuter Umbau der Gugl – etwa um die Tribünen näher an das Spielfeld zu bekommen – ist aus meiner Sicht vorstellbar und realistisch. Es ist ja nahezu infam, wenn sich die Stadt Linz mit Förderungen einen Konkurrenzstandort vor die Tür stellt, zumal der LASK ja schon angekündigt hat, auch Konzerte in seinem Stadion organisieren zu wollen. Von den Besuchern kommt kein einziger mehr in die Stadt, die sehen höchstens die Linzer Autobahnabfahrt beim Vorbeifahren. Was bleibt da noch für Linz?

Zurück zum Zeitplan. Wie lange würde die Ausarbeitung eines neuen, geeigneteren Standorts dauern?
Wenn der LASK rasch arbeitet, sind durch die schlechten, viel zu einseitigen Vorbereitungen und die miese Standortwohl vielleicht ein, zwei Jahre verlorengegangen. Ich kann aber gar nicht glauben, dass ein so großes Unternehmen wie der LASK keinen Plan B in der Schublade hat. Abgesehen davon: Was sind schon ein oder zwei Jahre in der Geschichte eines Klubs, den es seit 1908 gibt?

 

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInPin on PinterestEmail this to someone
Zur Kategorie-Übersicht