Christian Deutinger ist seit 2002 Offizier und in der Miliz des österreichischen Bundesheeres. Der Major blickt auf viele Stationen zurück und hat auch einige Auslandseinsätze im Kosovo und in Bosnien absolviert. Im LINZA-Talk spricht der 46-Jährige, der im Zivilberuf als IT- und Kommunikations-Leiter bei der Wohnungsgenossenschaft GWG tätig ist, über den Grundwehrdienst, die Aufwertung unseres Bundesheeres und sein Treuegelöbnis, das er an der Militärakademie geleistet hat.
Nach Jahren der Wenig- bis Nichtbeachtung erfährt unser Bundesheer nun wieder mehr Aufmerksamkeit und eine spürbare Aufwertung vor allem beim Gerät. Stimmen für Sie als Offizier der Miliz die nun eingeschlagene Richtung und die Intensität?
Die Verkürzung des Grundwehrdienstes von 8 auf 6 Monate und die Einstellung der Truppenübungen im Jahr 2006 haben dem Bundesheer geschadet. Seit Aufflammen des Ukraine-Konflikts hat ein Umdenken stattgefunden, dass wir in Österreich nicht auf einer Insel der Seligen wohnen. Die aktuellen Investitionen in Gerät, Mannschaftsausrüstung und Infrastruktur sind längst überfällig. Bei den ganzen Ambitionen darf man aber nicht auf das Personal vergessen.
In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Militär ausgehend von einem niedrigen Niveau ja immer weiter kaputtgespart. Wie wehrhaft war unser Bundesheer bisher
Die kleinen Einheiten funktionieren nach wie vor gut. Das große Ganze wurde aber sukzessive totgespart. Also große Übungen – die für ein funktionierendes Bundesheer unerlässlich sind – sind ohne Grundwehrdiener nicht möglich und fielen dem Sparstift zum Opfer.
„Der Grundwehrdienst ist für mich ein tolles Modell. Junge Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen zusammen und erfüllen gemeinsam Aufgaben und leisten einen wertvollen Beitrag für uns alle.“
Es gibt auch Stimmen, die sagen: Es wäre sinnlos, Geld in unser Heer zu investieren. Wir seien ein viel zu kleines Land, um uns tatsächlich gegen potenzielle Angreifer wehren. Ein geflügeltes Wort war „Wenn der Russ‘ ernst macht, ist er in einer halben Stund’ durch Österreich durch.“
Wer das sagt, tritt unsere Neutralität mit Füßen. Sich nicht verteidigen zu wollen oder können, macht attraktiv für einen Angreifer. Ein sicherheitspolitisches Vakuum mitten in Europa wäre grob fahrlässig. Wie man einen übermächtigen Gegner in Schach halten kann, hat die Ukraine in den letzten Jahren gezeigt.

Apropos Russland: Teilen Sie die Kriegsängste – teilweise muss man fast schon sagen Kriegslust mancher EU-Politiker?
Der beste Schutz vor einem Angriff ist die eigene Verteidigungsstärke. Panik vor einem Angriff Russlands auf Österreich zu schüren finde ich übertrieben. Aber wir müssen wachsam bleiben, Bedrohungen gibt es viele.
Was sagen Sie zur Idee, Österreichs Bundesheer auf ein Minimum zu reduzieren und sich stattdessen personell und finanziell an einem EU-Heer zu beteiligen?
Würden sie einem Fremden die Wohnungs- oder Haustürschlüssel geben, während sie 2 Wochen auf Urlaub fahren? Sicherheit auszulagern ist keine Lösung. Einen NATO-Beitritt als neutrales Land lehne ich ab.
Geld fehlt in Österreich tatsächlich an allen Ecken und Enden. Dennoch werden jetzt Milliarden ins Bundesheer investiert.
Investitionen in die Sicherheit sind kein hinausgeschmissenes Geld. Bei der Sicherheit verhält es sich wie bei der Gesundheit. Leider kommt man erst drauf, wenn sie weg bzw. der Schaden schon passiert ist.
Großes Thema ist der Grundwehrdienst. Wie habe Sie Ihren in Erinnerung?
Der Grundwehrdienst ist für mich ein tolles Modell. Junge Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen zusammen und erfüllen gemeinsam Aufgaben und leisten einen wertvollen Beitrag für uns alle. Auch auf die körperliche und geistige Fitness wird viel Wert gelegt. Es wird dem Grundwehrdiener auch beigebracht, aufeinander aufzupassen und sich gegenseitig zu unterstützen. Ein Team ist nur so stark wie sein schwächstes Glied. Diese Werte gehen in unsere Ego-Gesellschaft immer mehr den Bach hinunter.
„Schon 23% der Staatsbürger sind nicht mehr für Bundesheer bzw. Zivildienst tauglich. Das stimmt nachdenklich.
Etwas überspitzt formuliert: Wenn heute ein Rekrut lauter angeredet wird oder 20 „Straf“-Liegestütze machen muss, steht es morgen in der Zeitung. Ist die Ausbildung (und die Grundwehrdiener) heute zu „weich“?
Das glaube ich nicht. Junge fitte Soldaten sind nach wie vor belastbar. Was wirklich ein Problem darstellt, ist die steigende Zahl der Untauglichen. Sowohl körperlich als auch psychisch! Schon 23% der Staatsbürger sind nicht mehr für Bundesheer bzw. Zivildienst tauglich. Das stimmt nachdenklich.
Die Dauer des Grundwehrdienstes ist aktuell in Diskussion und soll auf acht Monate verlängert werden. Ist das der richtige Weg?
Gerade in einer sicherheitspolitisch fragiler werdenden Umgebung braucht Österreich gut ausgebildete, einsatzfähige Soldatinnen und Soldaten. Acht Monate Grundwehrdienst plus verpflichtende Milizübungen stellen dabei die einzig realistische und verantwortungsvolle Variante dar. Moderne Streitkräfte – insbesondere in technisch anspruchsvollen Waffengattungen wie zum Beispiel die Flieger- bzw. Drohnenabwehr – erfordern eine fundierte Ausbildung, Zeit zur Vertiefung sowie regelmäßiges Training. Wer komplexe Systeme bedienen, führen und im Ernstfall unter Stress sicher einsetzen soll, kann dies nicht in wenigen Monaten erlernen und anschließend jahrelang „auf Abruf“ bleiben.
2013 sprachen sich in einer Volksbefragung 60% der Österreicher für die Beibehaltung der Wehrpflicht und damit gegen ein Berufsheer aus. War das ein Fehler? Viele halten ein Berufsheer für effizienter und treffsicherer – im wahrsten Sinn des Wortes.
Ein professionelles Berufsheer ist schlichtweg zu teuer. Ohne Wehrpflicht sinkt der Kontakt zwischen Bevölkerung und Bundesheer, was das Verständnis und die Akzeptanz militärischer Aufgaben in der Gesellschaft schwächt. Ohne Wehrpflicht gibt es weniger ausgebildete Reservisten, was die Verteidigungsfähigkeit bei größeren Bedrohungen reduziert.
„Wenn nur 27 % angeben, das Land mit der Waffe verteidigen zu wollen, ist das weniger ein militärisches als ein gesellschaftliches Problem.“
Als Offizier der Miliz sind Sie regelmäßig bei entsprechenden Übungen mit dabei. Zu meiner Zeit – die allerdings schon 30 Jahre her ist, waren diese Übungen eher ein zusätzlicher Urlaub. Wie läuft es heute dort ab?
Ja ich übe ca. zwei Wochen im Jahr mit meiner Einheit. Es sind immer sehr abwechslungsreiche Übungen. Schießfertigkeit trainieren, Erste Hilfe und immer Fortbildungen zu aktuellen sicherheitspolitischen Themen. Meine letzte Übung war die Gefechtsübung der Militärakademie in Allentsteig. 2024 war ich bei der Airpower in Zeltweg als Begleitoffizier von internationalen Flugstaffeln mit dabei. Dabei sind wir meist mind. 12 Stunden pro Tag im Dienst. Urlaub sieht bei mir anders aus. Wir Milizsoldaten arbeiten Seite an Seite mit den Berufssoldaten. Wir können unsere zivilen Fertigkeiten einbringen, das wird auch gefördert. Dafür ist Wertschätzung uns gegenüber auch groß. Ohne Miliz und Grundwehrdiener sind solche Übungen nicht mehr möglich.
Die Miliz spielt eine entscheidende Rolle für die Schlagkraft des Bundesheeres dar. Sie ermöglicht es, eine breitere Basis an Soldaten mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen für verschiedenste Einsätze des Bundesheeres verfügbar zu haben. Milizsoldaten bringen oft eine Vielzahl von beruflichen und persönlichen Erfahrungen mit, die sich in verschiedenen militärischen Bereichen wie Medizin, Bautechnik oder IT als nützlich erweisen können. Diese Vielfalt erhöht die Einsatzfähigkeit und Effektivität der Streitkräfte.
Oberösterreich wird auch die Investitionen als Militärstandort aufgewertet. Transportflugzeuge, Drohnenabwehrsystem, neue Hubschrauber und auch die leichten Erdkampfflugzeuge als Nachfolger für die SAAB 105-Jets sollen in Hörsching bei Linz stationiert werden. Kritiker sagen, wir werden damit auch ein vorrangiges militärisches Ziel. Teilen sie diese Ängste?
Ganz im Gegenteil. Ich lebe lieber in einer Region, die durch das Bundesheer geschützt werden kann, als in einer, die nicht geschützt wird. Die Investitionen in Hörsching sind auch längst überfällig.
„Mein Treuegelöbnis, das ich an der Militärakademie geleistet habe, lautet: Treu bis in den Tod!“
Laut Umfragen würden nur etwa 27% Österreich im Ernstfall mit der Waffe verteidigen. Wozu ein Heer, in dem keiner schießen will?
Dieser Wert stimmt nachdenklich, ist aber Ergebnis der Politik in den letzten Jahrzehnten. Die Lösung heißt: Stärkung der geistigen Landesverteidigung. Geistige Landesverteidigung bedeutet, dass Bürger ein Bewusstsein für die Bedeutung von Freiheit, Demokratie, Neutralität und staatlicher Souveränität entwickeln. Wenn nur 27 % angeben, das Land mit der Waffe verteidigen zu wollen, ist das weniger ein militärisches als ein gesellschaftliches Problem. Es zeigt fehlende Identifikation mit dem Staat und ein mangelndes Verständnis dafür, was im Ernstfall auf dem Spiel steht.
Würden Sie für Österreich in den Krieg ziehen?
Ja, unsere schöne Heimat Österreich ist es wert, dafür zu kämpfen. Mein Treuegelöbnis, das ich an der Militärakademie geleistet habe, lautet: Treu bis in den Tod!




























