Mit der Fertigstellung des Quadrill-Hochhauses unterstreicht Linz seine Rolle als Hochhaus-Hauptstadt unter den Landeshauptstädten außerhalb Wiens. Keine andere City will so hoch hinaus wie Linz. Unsere Stadt hat sich damit in den letzten Jahrzehnten einen absoluten USP in Österreich erarbeitet. Doch diese Himmelsstürmerei gefällt nicht allen. Denn gleichzeitig scheint Linz auch die Kritikerhauptstadt zu sein, was Hochbauten betrifft. Die Suderei erreicht immer wieder schwindelerregende Höhen.
Bei manchen Zeitgenossen entsteht der Eindruck, man sei nur des Dagegenseins willen gegen Hochhäuser. Aktuellstes Beispiel ist das eben fertiggestellte Quadrill-Ensemble bei der Tabakfabrik. Aber: Wo in Linz, wenn nicht dort, passt ein gefälliger Turm wie der Quadrill hin?
„Hochhäusern geht’s in Linz ähnlich wie Flüchtlingsunterkünften: Beide sind immer und überall unpassend.“
Ein Blick über den gesamten Donaupark hinauf bis ins Mühlviertel im Norden und über die Stadt hinweg in den Süden: Aus 108 Metern Höhe tut sich ein imposanter Weitblick über Linz und weit darüber hinaus auf. Keine Stadt außer Linz (und Wien natürlich) hat einen solchen menschengemachten Höhepunkt zu bieten. Und anders als beim Bruckner Tower oder dem Terminal Tower (die beide knapp zehn Meter niedriger sind) hat man hier nicht den Fehler gemacht, den obersten Stock der Öffentlichkeit zu entziehen: Hier eröffnet am 1. April das Restaurant Q27, das vom im unteren Teil des Hochhauses situierten neuen Arcotel betrieben wird.
Jaja, schon klar: Als Nicht-Architekt und Nicht-Stadtplaner hat man sowieso nichts mitzureden, was den Bau oder den Standort von Hochhäusern in urbanen Gebieten betrifft. Das gilt dann natürlich nicht nur für 98 Prozent der Stadtbevölkerung, sondern auch für die Politik. Lauter Ahnungslose – so der immer wieder in den Raum gestellte Vorwurf der überschaubar großen Architekten- (und aller, die sich dafür halten) Szene.
Aber wenn nur ein sehr, sehr kleiner, dafür umso lautstarker Kreis bestimmt, was für die Optik und das Leben in Linz gut und richtig ist, wird’s ungut. Wenn jeder Standort für ein Hochhaus und jedes derartige Projekt – egal wo – schon lange vor dem Aufrollen des ersten Baggers pauschal als „ungeeignet“, „unpassend“, „überdimensioniert“ und „völlig überzogen“ verunglimpft wird und sich jedes Mal fix eine Bürgerinitiative findet (und die findet sich immer – oder wird gefunden), die das genauso sieht, dann steckt fast schon System dahinter. Hochhäusern geht’s in Linz ähnlich wie Flüchtlingsunterkünften: Beide sind immer und überall unpassend.
Mal ist es der Schatten, den das Hochhaus wirft, dann sind es mögliche „Abwinde“, die die Fassade entlang herunterbrausen und möglicherweise sogar Kleinkinder zu Boden werfen. Beliebt als Opferdarsteller sind auch Vögel, die massenhaft gegen die verglaste Außenseite der Hochbauten donnern und so zu Hunderten zu Tode kommen sollen. Außerdem ist die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ein ums andere Mal „untragbar“ oder „so gut wie nichtt vorhanden“. Und nicht zu vergessen die dazugehörigen Tiefgarageneinfahrten, die jede Straße zur Abgas-, Lärm- und Stauhölle machen. Ein Hochhaus, 100 Meter hoch und 1.000 Gründe schwer, warum es am falschen Ort steht und hier sowieso grundsätzlich verkehrt ist – bis hin zur ausnahmslos „hässlichen“ Optik, egal wie es aussieht.
Ähnlich ging es zuvor dem Bulgari Tower, der mittlerweile zum „High Five“ mutierte und seit Mai 2025 fertig da steht. Die verantwortlichen Planer haben auch dort die Rechnung ohne die Bewohner eines nicht wirklich anziehenden Viertels gemacht:„Mehr Schatten, weniger Aussicht und mehr Verkehr befürchten Anrainer durch das geplante Hochhaus am Bulgariplatz“ berichteten die OÖ Nachrichten, nachdem die ersten Pläne bekannt wurden. Um „nicht tolerierbare“ 26 Meter würde der geplante Riese die umgebenden Bauten überragen. Hilfe! Schatten! Weniger Aussicht! Womöglich Terrorangriffe! Einstürzende Neubauten – heißt nicht auch eine unbequeme deutsche Band so?
Irgendwie fühlt man sich bei derlei Argumenten an die Bauordnung karibischer Inselstaaten erinnert: Dort darf auch kein Haus höher sein als die dienstälteste Palme. Oder das lokale Gotteshaus. Bloß nicht auffallen! Mit dem Prädikat „Architektonisch besonders wertvoll“ wird der Bulgariplatz wohl nie ausgezeichnet werden – so gesehen ist der High Five Turm ein optischer Zugewinn.
„Unverständlich, warum Hochhäuser in Linz immer noch einen dermaßen schlechten Ruf genießen. Vielleicht wegen des Lentia 2000 in Urfahr, das bei seiner Eröffnung 1977 die Gemüter dermaßen erregte, dass manche davon bis heute noch kochen?“
Gerade darum mag ich Hochhäuser, weil sie auch eine Chance sind für Linz. Derlei Türme (vulgo Wolkenkratzer, wobei der Begriff für die überschaubaren Höhen in Linz etwas verwegen scheint) sind in jeder größeren Stadt ein Hingucker, ein Anziehungspunkt, ein Monument, eine Landmark, auf die man auch stolz ist. Das One Vanderbilt oder das neue World Trade Center in New York, das 101 in Taipeh, der eindrucksvolle Maha Nahkon-Turm in Bangkok, The Shard in London oder der DC Tower in Wien – auch wenn der Vergleich mit unseren „Hochhäuschen“ etwas hinkt, sind es da wie dort Statements einer pulsierenden, wachsenden und vorwärtsgerichteten Stadt. In Salzburg, Innsbruck oder Graz wären solche Hochbauten wie in Linz nicht oder kaum möglich. Nur Lind darf das und soll das. Gut so.
Unverständlich, warum Hochhäuser in Linz immer noch einen dermaßen schlechten Ruf genießen. Vielleicht wegen des Lentia 2000 in Urfahr, das bei seiner Eröffnung 1977 die Gemüter dermaßen erregte, dass manche davon bis heute noch kochen? Eher nicht, denn der Bau gilt unter Fachleuten auch 2015 immer noch als gelungen. Und es gibt kaum einen Bewohner, der dort nicht gerne ein und aus geht.
„Ich glaube, die Abneigung von Hochhäusern liegt vielmehr am mittlerweile gesprengten Harter Plateau“glaubte Bürgermeister Klaus Luger vor ein paar Jahren. Und da hatte der Bursche nicht ganz unrecht, denn die beiden 1975 gebauten Türme waren in jeder Hinsicht zum Speiben: außen hässlich, innen furchtbar – und voller sozialem Sprengstoff. Immer wieder wurde im Keller Feuer gelegt, die Stiegenhäuser waren „bunter“ und übelriechender als die dunkelsten Ecken der New Yorker Bronx.


























