Sauberkeit ist plötzlich eines der großen Themen in der Stadtpolitik. FPÖ-Stadtrat Michael Raml fordert eine Sauberkeitsoffensive, ÖVP-Vizebürgermeister Martin Hajart macht mit seiner Sicherheits- und Sauberkeitstour mobil. Einer beschäftigt sich allerdings schon wesentlich länger mit dem Linzer Dreck: LinzPLUS-Chef Lorenz Potocnik fordert seit 2019 Straßenkehrer, gründete 2020 die „Linzer Saubermacherinnen“ und sammelt selbst regelmäßig Müll.
LINZA: Herr Potocnik, wurden Sie als Kind zu oft gebadet und resultierte daraus möglicherweise ein ausgewachsener Sauberkeitsfimmel?
Lorenz Potocnik: (lacht) Das müssen Sie meine Eltern fragen. Aber vielleicht ist tatsächlich etwas hängen geblieben. Ich habe für die Sauberkeit in unserer Stadt jedenfalls eine gewisse Leidenschaft entwickelt und beschäftige mich schon seit Jahren damit, wie man unser „gemeinsames Wohnzimmer“ sauberer bekommen könnte. Sauberkeit klingt zunächst nach einem kleinen Thema. Aber wenn man viel zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist, merkt man, wie sehr der Zustand des öffentlichen Raums darüber entscheidet, ob man sich in einer Stadt wohlfühlt.
Sie reden nicht nur über Müll, Sie sammeln ihn auch selbst.
Ja. Ich mache praktisch täglich von zu Hause bis zum Volksgarten einen rund 600 Meter langen Abschnitt sauber. Das ist mein kleiner Beitrag. Wenn etwas herumliegt, hebe ich es eben auf. Natürlich kann ich nicht ganz Linz putzen. Dafür brauche ich Hilfe – und genau deshalb beschäftige ich mich politisch so intensiv mit dem Thema.
„Ich muss schon schmunzeln, wenn heute Forderungen auftauchen, die wir seit Jahren stellen.“
Sie fordern immer wieder Straßenkehrer für die Stadtviertel. Neu ist die Idee allerdings nicht.
Ganz und gar nicht. Ich habe bereits im April 2019 im Gemeinderat einen sehr ähnlichen Antrag eingebracht. Damals war ich vielleicht noch etwas entschlossener und weniger diplomatisch. Fünfeinhalb Jahre später habe ich es wieder versucht. Im Dezember 2024 wurde der Antrag für Straßenkehrer dann sogar einstimmig beschlossen. Das hat mich natürlich gefreut. Nur: Ein Gemeinderatsbeschluss macht die Straßen noch nicht sauber. Er muss auch umgesetzt werden.
Warum braucht Linz überhaupt wieder klassische Straßenkehrer? Wir haben doch Kehrmaschinen.
Weil Maschinen Menschen nicht überall ersetzen können. Die Kehrmaschinen haben natürlich ihre Berechtigung, aber sie sind für Gehsteige, Unterführungen, Grünstreifen, Parks und die unzähligen Ecken unserer Stadt oft schlicht zu groß. Dort bleibt der Müll liegen. Das müsste händisch mit Besen, Greifern und Wägelchen gemacht werden. Und: Ich rede übrigens immer wieder mit den Fahrern der Kehrmaschinen. Das ist sehr interessant. Die wissen genau, wo ihre Maschinen funktionieren und wo nicht.

In einem Ihrer Postings haben Sie gemeint, Sie reden sogar im Urlaub mit Straßenkehrern?
Ja, tatsächlich. Auf meinen Reisen und Städtetrips spreche ich immer wieder mit Straßenkehrern. Mich interessiert, wie andere Städte das organisieren. In Wien, Prag und vielen anderen Städten haben die Leute ihr fixes Revier. Sie kennen ihre Nachbarschaft, wissen, wo die Problemstellen sind, und sehen sofort, wenn etwas nicht passt. In Wien sind sie teilweise so ausgestattet, dass Plastik, Blech und Restmüll gleich getrennt werden können. Das ist für mich modernes Stadtmanagement. Man muss nicht alles neu erfinden. Manchmal reicht es, sich anzuschauen, was anderswo funktioniert.
Sie trommeln ständig, Linz hat ein grundsätzliches Sauberkeitsproblem. Ist das nicht übertrieben?
Nein. Es steht für mich außer Streit, dass Linz unter zu viel Müll leidet und sich die Situation in den vergangenen Jahren kaum verbessert hat. Natürlich ist nicht die ganze Stadt dreckig. Aber es gibt genügend Problemzonen außerhalb der Innenstadt. Dort fehlt die regelmäßige Betreuung. Es gab weder ein wirklich entschlossenes Vorgehen gegen Müllsünder noch eine großangelegte und dauerhafte Bewusstseinsarbeit. Und auch personell wurde aus meiner Sicht nicht ausreichend aufgestockt. In der Innenstadt sieht man Putztrupps, aber wer kümmert sich kontinuierlich um die vielen Problemstellen draußen in den Stadtvierteln?
Laut unseren Rechechern kümmern Sie sich bereits seit über sieben Jahren um „jeden Dreck“ in Linz.
Ja, seit 2019. Damals ging es um Straßenkehrer und um die Reinigung des Busbahnhofs. 2020 habe ich dann eine große Sauberkeitskampagne gefordert. Dann kamen Themen wie Sperrmüll, Müllsammelsysteme, Unterführungen, zusätzliche Mistkübel oder die Unterstützung privater Müllsammler dazu. Das klingt alles nicht nach großer Weltpolitik. Aber genau diese vermeintlichen Kleinigkeiten machen eine Stadt aus.
2020 haben Sie gemeinsam mit Ihren Mitstreitern Erich Gusenbauer und Markus Unterauer die „Linzer Saubermacherinnen“ gegründet. Wie kam es dazu?
Das war zu Beginn der Corona-Zeit. Wir wollten nicht nur sagen, dass jemand etwas machen soll, sondern selber anfangen. Also haben wir Handschuhe, Greifer und Müllsäcke genommen und losgelegt. Daraus ist eine richtige Gemeinschaft entstanden. Viele Menschen haben mitgemacht. In den ersten rund zwei Jahren haben wir bei hunderten Aktionen mehr als 110.000 Liter Müll aus Linzer Wäldern, den Traunauen und den Straßen geholt. Die LINZ AG und private Unterstützer haben uns mit Säcken, Handschuhen und Greifern geholfen. Die Saubermacherinnen sind bis heute aktiv.
Überrascht Sie, was Menschen alles wegwerfen?
Leider nicht mehr. Wenn man einmal bewusst darauf achtet, ist es unglaublich. Zigarettenstummel, Dosen, Flaschen, Verpackungen – und natürlich Sperrmüll. Gerade die Tschickstummel sind ein riesiges Thema. Ein einzelner fällt kaum auf, aber wenn Tausende davon herumliegen, schaut eine Straße sofort ungepflegt aus.
Nun haben auch andere Parteien die Sauberkeit entdeckt. Martin Hajart fordert Straßenkehrer, Michael Raml eine Sauberkeitsoffensive. Ärgern Sie sich über diesen Themenklau?
Grundsätzlich freue ich mich über jeden, der sich ernsthaft für eine saubere Stadt einsetzt. Sauberkeit sollte kein Parteithema sein. Ich muss aber schon ein bisschen schmunzeln, wenn heute Forderungen auftauchen, die wir seit Jahren stellen. Bei den Straßenkehrern ist die Sache besonders interessant: Unser Antrag wurde 2024 einstimmig beschlossen. Wenn jetzt mehrere Parteien dasselbe wollen, umso besser. Dann sollte einer Umsetzung eigentlich nichts mehr im Weg stehen.
Was wäre denn Ihr konkretes Modell?
Ich würde zusätzliche Straßenkehrerinnen und Straßenkehrer einstellen und ihnen fixe Reviere in den Stadtvierteln geben. Gut ausgestattet, ordentlich bezahlt und mit Verantwortung für ihr Gebiet. Diese Menschen sollen nicht nur Müll aufsammeln. Sie sehen auch kaputte Mistkübel, herumliegenden Sperrmüll, Verschmutzungen oder andere Probleme und können diese weitergeben. Das ist für mich „Kümmern“. Jemand kennt sein Viertel und fühlt sich dafür verantwortlich.
Sie haben sich im Bürgermeisterwahlkampf sogar als möglichen „Hausmeister“ der Stadt bezeichnet. Wäre das tatsächlich ein Job für Sie – Linzer Stadthausmeister?
Absolut. Bürgermeister klingt immer nach großen Reden, Empfängen und Strategien. Ich finde den Begriff Hausmeister eigentlich sympathischer. Ein guter Hausmeister schaut nach dem Rechten. Er sieht, wenn etwas kaputt oder schmutzig ist, und wartet nicht drei Monate auf eine Arbeitsgruppe. Ich sehe Linz als unser gemeinsames Wohnzimmer. Und in einem Wohnzimmer möchte man sich wohlfühlen.
Öfters reinigen, Straßenkehrer einstellen, mehr Sauberkeit: Das alles kostet allesGeld, das Linz nicht hat.
Ja natürlich kostet das was. Aber Sauberkeit gibt es nicht zum Nulltarif. Wir müssen dafür mehr Geld in die Hand nehmen und zusätzliches Personal beschäftigen. Maschinen schaffen es alleine nicht. Für mich ist Sauberkeit kein Luxus. Sie ist ein wichtiger Wohlfühlfaktor und entscheidet mit darüber, ob Menschen gerne in einer Stadt leben. Ein gepflegter öffentlicher Raum fördert nebenbei auch den Fuß- und Radverkehr. Wenn Wege sauber, angenehm und gepflegt sind, werden sie lieber benutzt.
Und wann wären Sie zufrieden?
Wenn wir nicht mehr jedes Jahr darüber reden müssten. Mein Ziel wäre, dass Sauberkeit irgendwann selbstverständlich ist. Dass jedes Viertel ordentlich betreut wird und die Menschen merken: Da kümmert sich jemand. Bis dahin werde ich wohl weiter meinen 600-Meter-Abschnitt putzen.
Also doch ein Sauberkeitsfimmel?
Sagen wir so: Ich bin vieles – aber sicher kein Schmutzfink.
















