Seit 1641 feiert Gmunden am vierten Fastensonntag – heuer am 15. März 2026 – den Liebstattsonntag: Ursprünglich ein Akt karitativer Nächstenliebe durch die Corpus-Christi-Bruderschaft, entwickelte sich daraus ein herzerwärmender Brauch mit handverzierten Lebkuchenherzen, romantischen Gesten und fröhlichem Treiben. Als immaterielles UNESCO-Kulturerbe Österreichs ist er heute lebendiger Ausdruck von Glauben, Freundschaft und Liebe am Traunsee.
Es war einmal im Jahr 1641, als die kleine Salz- und Handelsstadt Gmunden am Traunsee noch ganz im Schatten der großen Glaubenskämpfe stand. Die Reformation hatte tiefe Spuren hinterlassen, viele Menschen waren unsicher geworden, die alte katholische Ordnung wackelte. Genau in dieser Zeit beschloss Leopold Wilhelm von Österreich, der Bischof von Passau (und zuständig für Gmunden), etwas zu unternehmen, um den Glauben wieder zu stärken und die Menschen enger zusammenzubringen.
Er bestätigte am 19. Dezember 1641 die Neugründung einer alten Corpus-Christi-Bruderschaft (Fronleichnamsbruderschaft). Diese wohlhabenden Bürger sollten nicht nur beten und Prozessionen abhalten – der Bischof gab ihnen auch eine ganz besondere Aufgabe: Am vierten Sonntag der Fastenzeit, dem Laetare-Sonntag (dem Sonntag der Freude mitten in der strengen Fastenzeit), sollten sie die Armen der Stadt zu einem gemeinsamen Mahl einladen.
Bei diesem Essen legten die Bruderschaftsmitglieder feierlich ein Gelöbnis ab: Sie versprachen Glaubenstreue und vor allem brüderliche Liebe – auf gut Gmundnerisch: „Liab stattn“, also „Liebe bestätigen“ oder „Liebe abstatten“. Daraus entstand der Name Liebstattsonntag.
Aus diesem karitativen, frommen Akt der Bruderschaft wurde im Lauf der Jahrhunderte etwas viel Größeres und Herzlicheres. Die Liebsversammlung blieb bestehen, auch als die Bruderschaft im 18. Jahrhundert langsam einging. Im 19. Jahrhundert wandelte sich der Brauch immer mehr: Statt nur die Armen zu speisen, begannen die Gmundner, einander kleine Geschenke zu machen – vor allem handverzierte Lebkuchenherzen.
Besonders die jungen Leute nutzten den Tag: Burschen schenkten den Mädchen, die sie mochten, ein Herz – und je schöner, größer und kunstvoller das Herz, desto ernster die Absicht. Manche Mädchen sollen damals sehnsüchtig am Fenster gestanden sein und gehofft haben, dass ein bestimmter Bursch mit einem besonders prächtigen Herz vorbeikommt. Ein alter Spruch aus dieser Zeit lautet bis heute:
„Gegen jede Art von Schmerz hilft ein echtes Liebstattherz.“
Im 20. Jahrhundert hätte der Brauch fast verloren gehen können – wie so viele alte Traditionen. Doch engagierte Gmundner, vor allem der Trachtenverein Traunseer, die Goldhauben- und Kopftuchgruppen, haben ihn mit viel Herzblut gerettet und weiterentwickelt. Sie sorgten dafür, dass aus dem stillen Liebes- und Liebesbestätigungstag kein gewöhnlicher Kirtag wurde, sondern etwas Besonderes blieb.
Seit März 2014 ist der Liebstattsonntag in Gmunden sogar offiziell immaterielles Kulturerbe Österreichs (UNESCO-Liste) – als lebendige Tradition von gesellschaftlichen Ritualen, Freundschaft und Liebe.
Und so feiert man heute, im 21. Jahrhundert, immer noch jedes Jahr am vierten Fastensonntag:
- früh die Bauernmesse in der Pfarrkirche,
- dann ein buntes Treiben in der Stadt,
- Tausende Menschen in Tracht,
- und vor allem: zigtausende Lebkuchenherzen, die von Hand bemalt und mit Sprüchen versehen werden,
- von „I mog di“ bis „Bleib g’sund und froh“.
Der Liebstattsonntag ist in Gmunden kein altertümlicher Brauch mehr – er ist lebendig, süß, ein bisschen romantisch und vor allem sehr herzlich geblieben. Ein Stück Stadtgeschichte, das man schmecken und spüren kann.















