Verkehrte Welt: Sowohl Medien als auch die Politik waren sich einig – die umstrittene, im Grundton durchwegs destruktive Weltuntergangs-Klangwolke vom Wochenende sei ein „audiovisuelles Gesamtkunstwerk voller Wucht, Poesie und Überraschungen“ gewesen und ein „beeindruckendes Gesamterlebnis“. Auch hieß es, Die „Gäste aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft waren von der eindrucksvollen Linzer Klangwolke 2026 begeistert“. Ganz anders sieht das der Großteil der Besucher: Hunderte wanderten bereits vor dem Ende der ohnehin nur 57 Minuten langen „Kurzwolke“ enttäuscht ab. Eine einzige kritische Stimme aus dem Rathaus gibt es dennoch: Stadtrat Michael Raml (FPÖ) versteht den Groll und die Enttäuschung der Besucher. Auch ihn erreichten viele Beschwerden.
Michael Raml, die Meinungen zur Klangwolke „ATTheENDLinz“ gehen auseinander. Medien, Politik und Kulturvertreter jubeln, bei den Besuchern fällt das Urteil über das Weltuntergangsszenario und die destruktive Geräuschkulisse weit kritischer, ja vernichtend aus. Ihre Eindrücke?
Ich war diesmal nicht persönlich mit dabei, war aber überrascht, wie viele negative Rückmeldungen ich aus den verschiedensten Richtungen erhalten habe. Das war auch in den letzten Jahren ähnlich, aber heuer erreichte das ein ganz besonderes Ausmaß. Der Tenor: Fast eine Stunde Destruktivismus, Weltuntergang, Klimapanik und ein brennendes Linz. Was soll das in Zeiten wie diesen? Gerade jetzt bräuchte es mehr Zuversicht und einen positiven Blick nach vorne.
„Natürlich kann, soll, ja muss es auch „unbequeme“ Kunst geben. Aber die Klangwolke als das größte Kulturevent Oberösterreichs ist die absolut falsche Bühne für schräge Experimente und eine völlig destruktive Aufführung, bei der jeder im besten Sinne ‚Durchschnittskulturinteressierte‘ – und das ist nun mal die breite Masse – Reißaus nimmt.“
Speziell viele Familien, die sich mit ihren Kindern schon Stunden vor Beginn mit Decken auf die Klangwolke freuten, nahmen Reißaus, weil sie mit den Horror-Bildern, blutigen Augen und dem Gekrächze statt Musik wenig anfangen konnten. Eine der wenigen begeisterten Userinnen schrieb uns: „Die breite Masse soll nächste Woche zum Jahrmarkt gehen, dort sind sie besser aufgehoben. Die Klangwolke ist ein kulturelles Aushängeschild, Kultur muss auch mal unbequem sein.“
Ich sehe das anders. Natürlich kann, soll, ja muss es auch „unbequeme“ Kunst geben. Aber die Klangwolke als das größte Kulturevent Oberösterreichs ist die absolut falsche Bühne für schräge Experimente und eine völlig destruktive Aufführung, bei der der im besten Sinne „Durchschnittskulturinteressierte“ – und das ist nun mal die breite Masse – Reißaus nimmt. Keiner geht zur Klangwolke, um danach bedrückt und mit einer negativen Stimmung wieder heimzugehen. Man kann nicht Familien und Menschen aus ganz Oberösterreich und sogar dem benachbarten Ausland nach Linz locken und ihnen dann eine Inszenierung zum Davonlaufen bieten. Es ist ja nicht das erste Mal: Viele Leute haben mir gesagt, dass sie künftig um die Klangwolke einen Bogen machen. Wenn das das Ziel war: Bravo, alles richtig gemacht.
Wen sehen Sie in der Verantwortung?
Einige Linzer Kulturverantwortliche sind schon vor Jahren falsch abgebogen. Es geht nicht mehr um das Positive und auch mal die schönen Seiten der Kultur, sondern fast nur noch um ein Minderheitenprogramm. Einige wenige wollen sich hier verwirklichen, so geht’s nicht. Linz gibt allein für Kunst und Kultur im Jahr 2026 rund 54 Millionen Euro aus. Da darf man schon erwarten, dass auch die populäre, die breite Seite der Kultur bedient wird.
Was ich besonders seltsam finde: Bürgermeister Prammer sagte anderntags bei seiner Eröffnungsrede zum Brucknerfest, dass wir alle endlich wieder zuversichtlicher sein sollten. Und dass Kunst bei der positiven Entwicklung von Zukunftsbildern eine ganz wesentliche Rolle spielen würde. Da hat er völlig recht. Dann frage ich mich aber, warum die stadteigene LIVA so ein destruktives Weltuntergangs-Werk durchwinkt.
Linz muss sich wieder auf die Grundidee der Klangwolke besinnen und das Event wieder zu einer „populär-künstlerischen“ Klangwolke machen – mit zeitgenössischer Musik und einer Feuer-, Licht- und Lasershow, wie wir sie früher hatten.“
Wie könnte man die breite Masse wieder ansprechen – oder auf deren Bedürfnisse eingehen?
Klar ist: Bei so einer großen Veranstaltung kann es nicht um die Verwirklichung einiger weniger gehen. Die Klangwolke muss der „Kultur-Türöffner“ für alle sein, die dadurch in Zukunft vielleicht mehr Lust auf Kunst und Kultur in Linz bekommen. Mit Bildern von brennenden Häusern, zerbombten Städten, blutenden Augen in Dauerschleife und krächzenden Lärminstallationen wird das eher nicht gelingen.
Ganz konkret: Wie könnte das aussehen?
Linz muss sich wieder auf die Grundidee der Klangwolke besinnen und das Event wieder zu einer „populär-künstlerischen“ Klangwolke machen – mit zeitgenössischer Musik und einer Feuer-, Licht- und Lasershow, wie wir sie früher hatten. Dieses sinnbefreite Pyrotechnik-Verbot gehört endlich weg. Die Vergangenheit hat gezeigt: Klangwolken mit Feuerwerks-Effekten waren die mit Abstand schönsten und spektakulärsten – wie etwa die Pink-Floyd-Klangwolke anno 1985, als 150.000 Besucher den Donaupark bei Laser- und Feuershow in ein Mini-Woodstock verwandelten. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, Linz will keine populären Kulturevents mehr auf die Beine stellen, die auch „ganz normale“ Menschen ansprechen.
Foto: LIVA Linz / FPÖ
















