“Ich bin stolzer Linzer und wohne gerne hier”

2009 gründete Florian Gschwandtner mit drei Freunden das Unternehmen Runtastic, das im August 2015 um sagenhafte 220 Millionen Euro an den Adidas-Konzern ging. Jetzt kündigte Gschwandtner seinen Ausstieg aus Runtastic an – und leitet den neuen Lebensabschnitt mit seinem ersten Buch (“So läuft Start-up”) ein. Im LINZA-Talk macht der 35-Jährige eine Liebeserklärung an unsere City (“Ich bin stolzer Linzer und wohne gerne hier”), spart aber auch nicht mit Kritik an seiner Heimatstadt.

Florian Gschwandtner – über Dich war zu hören, dass Du Menschen mit negativer Energie nicht an dich heranlässt. Funktioniert das im Beruf überhaupt immer?
Ich versuche es so gut wie möglich. In der Zeit, in der unser Unternehmen in kurzer Zeit stark gewachsen ist, haben wir sehr schnell Leute angeheuert und dabei nie gecheckt, ob die jeweiligen Menschen auch kulturmäßig zu uns passen, das war ein Fehler. Aber auch im Privatlaben habe ich irgendwann bemerkt, dass manche Leute mehr saugen und nehmen, aber sehr wenig geben. Anfangs macht dir das nichts aus, aber irgendwann merkst du, dass es auch Menschen gibt, die dir etwas zurückgeben und dich weiterbringen. Und man kann sich auch beruflich wie privat trennen, das ist auch gar nix Schlimmes. Wenn man selber weiterkommen will im Leben, muss man das auch machen.

Und im Alltag? Blendet Du alles Negative aus – zum Beispiel Nachrichtensendungen oder böse Kommentare?
Da muss man die Stärke gerade als Unternehmer haben, darüber zu stehen – etwa bei persönlichen Kommentaren in sozialen Medien. Solange sie dich nicht persönlich verletzen, macht es mir weniger. Kürzlich hat jemand “Jetzt muss er gehen” und “Jetzt ist er bei Runtastic gekündigt worden” geschrieben, so ein Blödsinn geht komplett an mir vorbei. Heute habe ich gelesen, ich wirke sehr arrogant, weil ein Medium einen Satz aus einem Interview herausgestellt hat, der für sich alleine wirklich arrogant wirken könnte. Sowas blende ich nicht aus, aber ich habe gelernt, damit umzugehen.

Es heißt oft, wir Österreicher sind Weltmeister im Sudern und Neiden.
Ich bin sehr viel in der Welt unterwegs und muss sagen: Ja das ist leider schon so und man vergönnt bei uns dem anderen nicht so viel. Da sind wir schon anders, gerade im Vergleich mit Amerika, das ist 100 zu 1. Ich würde aber meinen, dass das seit meiner Generation besser wird. Der Neid wird weniger.

Du hast Dich entschlossen, Runtastic zu verlassen, um mehr Zeit für Dich zu haben. Besteht nach so einem Höhenflug nicht die Gefahr, in ein Loch zu fallen?
Das stimmt grundsätzlich. Was ich aber nicht habe, ist Angst – ich habe Respekt vor der Situation. Ich vergleiche es gern mit einem Marathon: Viele Finisher fallen nach der Ziellinie in ein Loch, weil sie nie über das ‘What’s next?’ nachgedacht haben. Das habe ich aber schon sehr intensiv getan und meine Entscheidung ganz bewusst getroffen.

Was heißt “Respekt vor der Situation” haben?
Ich liebe es, wenn viel los ist, viele E-Mails, unzählige Nachrichten, Termine, Telefonate spät in der Nacht. Zehn Dinge auf einmal managen – das habe ich jetzt viele Jahre lang intensiv betrieben und das ist auf einmal weg: Davor habe ich großen Respekt. Und ich weiß, das sich diese viele Zeit jetzt nicht mit zwölf Stunden täglich trainieren oder Schifahren füllen lässt. Das geht für eine kurze Zeit, aber nicht auf Dauer. Mir haben zwei Bekannte in ähnlichen Situationen geschrieben, dass sie kurze Zeit demotiviert waren – nicht depressiv, aber demotiviert und planlos. Sie haben aber auch gesagt, dass das sehr gut in diese Phase gepasst hat und das nicht als schlecht empfunden haben. Ich sehe es als gutes Learning, auch mal durch so einen Prozess zu gehen.

Florian Gschwandtner (l.) bei der Eröffnung des Fitnessparks in Urfahr im Mai 2017

Florian Gschwandtner (l.) mit Bürgermeister Klaus Luger (r.) und ÖVP-Fraktionsobmann Martin Hajart ((3.v.l.) bei der Eröffnung des Fitnessparks in Urfahr im Mai 2017

Gibt es einen Zeitplan oder genaue Vorstellungen ‘what to do’?
Nein. Egal, ob diese Auszeit jetzt drei, sechs, neun oder zwölf Monate dauert: Es ist mir relativ Wurscht. Ich will einfach neue Dinge probieren. Zum Beispiel Zeit haben für Yoga und Meditation, ich würde aber auch gerne für einige Wochen nach China gehen, um die dortige Welt besser verstehen zu lernen.

Was trieb Dich bei der Unternehmensgründung damals an – und was jetzt –  als jemand, der bereits mit 35 als einer der erfolgreichsten Oberösterreicher gilt?
Bei der Firmengründung hat mich angetrieben, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und dass wir unsere Löhne zahlen und leben können. Und was mich jetzt antreibt? Ich bin generell ein sehr motivierter Mensch. Ich kann mich in so viele Dinge und Themen reinversetzen, das treibt mich extrem an. Auch die Neugierde – kombiniert mit dem Willen, spannende Dinge in die Realität umzusetzen.

Das Headquarter von Runtastic befindet sich immer noch in Pasching bei Linz. Das passt eigentlich mit der mittlerweile globalen Bedeutung des Unternehmens so gar nicht zusammen.
Die digitale Welt hat keine Grenzen. Ob du da dein Business vom Silicon Valley, Pasching oder Japan aus machst, ist egal. Viele unserer Kunden wissen gar nicht, dass wir aus Österreich sind – das ist irrelevant. Sehr viele glauben sogar, wir sind Amerikaner.

Was ist der Vorteil am Standort Oberösterreich?
Dass wir sehr viele gute Leute hier haben. Die schlechte Nachricht: Es sind trotzdem viel zu wenige. Sogar wir als Runtastic mit coolem Branding und zugkräftigem Namen bekommen schon fast keine guten Leute mehr. Wir haben aktuell 40 Prozent Mitarbeiter aus dem Ausland – aus 42 Nationen mit einem Altersdurchschnitt von 29 Jahren. Unser Land muss bei der Bildung nachlegen, um noch mehr Talente rauszubringen.

Weil in Österreich oft von Unternehmerfeindlichkeit und zu vielen Hürden berichtet wird: Hast Du diese Probleme bei eurer Entwicklung auch wahrgenommen?
Ja. Wenn wir Österreich mit anderen Ländern vergleichen, sind wir kein unternehmerfreundliches Land. Das beginnt schon mit der Bürokratie bei der Gründung. Man könnte es den Menschen schon einfacher machen und an einigen Schrauben der Bürokratie drehen, die ‘too much’ sind – etwa die Pflicht-Einträge in die Wiener Zeitung und solche Sachen, das braucht keiner. Umgekehrt muss ich sagen: Wer Unternehmer werden will, muss wissen, dass einige Hürden auf ihn zukommen.

Viele Jungunternehmer klagen auch über fehlende Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung.
Die Unternehmerfeindlichkeit kommt auch ein bisschen von der Investorenseite. Risikokapital ist zum Beispiel in anderen Ländern steuerlich absetzbar. Da müsste der Staat mehr tun, um auch mehr Kapital in den Markt zu bringen.

Linz nennt sich gerne Start-up Hauptstadt Österreichs – zurecht?
Linz ist diesbezüglich sicher gut unterwegs in Österreich, es gibt ein gutes Umfeld mit der FH Hagenberg, der FH Steyr, der JKU und einigen sehr guten HTLs und Unternehmen wie startup300. Auch in unserem Umfeld gibt es einige sehr starke Start-Ups. Man kann sich dieses Schild als Stadt daher durchaus umhängen, es gehört aber noch einiges getan. Man muss aber ein bisschen aufpassen, dass man die ganze Start-up Terminologie nicht verbrennt. Derzeit ist es fast schon zu cool, ein Start-up zu sein – überspitzt gesagt: Nicht jedes Blatt Papier ist sofort zwei Millionen wert.

Florian Gschwandtners Buch "So läuft Start-up"

Florian Gschwandtners Buch “So läuft Start-up”

Du hast Dich auch in Linz bei einigen Projekten – etwa dem Motorik Park an der Donaulände – engagiert. Wird es da zukünftig auch weitere diesbezügliche Aktivitäten von Dir geben?
Prinzipiell würde ich es gerne, nach dem Fitnesspark muss ich mir das aber noch überlegen, ob das so einfach ist. Wenn man in Linz was bewegen will, gibt es schon sehr viele Hürden, das hat mich durchaus gebremst in meiner Euphorie. Ich war erstaunt, wie schwer eigentlich banale Dinge umzusetzen sind. Unabhängig davon: Ich möchte meine Expertise nicht nur in Linz, sondern österreichweit dort einbringen, wo sie gefragt ist und gebraucht wird – etwa beim Thema Bildung.

Runtastic bedeutet für die meisten Menschen immer noch Laufen und Fitnessstudio. Die Nr.1 Sportart in Österreichs Öffentlichkeit ist neben Skifahren aber Fußball. Welchen Zugang hast Du zum runden Leder?
Fußball ist für mich ein großes Thema, ich habe von 7 bis 18 Jahren selber beim Verein meines Heimatorts Strengberg in der ‘Krautliga’ gespielt. Ich habe einige Freunde, die als Profis tätig waren oder sind. Und ich kenne auch die Leute rund um Siegmund Gruber, die beim LASK federführend tätig sind. Ich finde es wirklich gut, was die dort aufgestellt haben.

Ein Engagement beim LASK ist kein Thema für Dich?
Ich hätte damals bei den Freunden des LASK dabei sein können, musste aber abwägen. Wir waren damals gerade mit dem Aufbau von Runtastic beschäftigt und ich hatte einfach nicht die Zeit. Jetzt mitzumachen, hätte was von ‘Gloryhunter’. Ich bin aber immer wieder sehr gerne in Pasching bei den Spielen mit dabei.

Wo wird es Dich in deiner neuen Lebensphase hinziehen?
Ich bin stolzer Linzer und wohne gerne da, habe hier sehr viele Freunde. Ich bleibe Linz erhalten, habe mir gerade eine neue Wohnung gekauft. Die Stadt wird mein Lebensmittelpunkt bleiben.

Unabhängig vom wirtschaftlichen Umfeld: Was macht für Dich als Menschen die Stadt Linz so besonders?
Das Kleine, Überschaubare. Linz hat eine sehr nette Größe. Ich bin auch gerne in Wien, fahre aber genauso gerne wieder zurück nach Linz, weil es mir in Wien zu laut ist. Ich mag es einfach, wenn ich in 15 Minuten dort bin, wo ich sein will und nicht eine Stunde herumfahren muss. Etwa zum Laufen im Wasserwald, an der Donaulände oder mit dem Rad auf den Pöstlingberg. Und weil ich sehr gerne reise und immer wieder mal raus will, bin ich von daheim aus mit dem Zug in etwas mehr als einer Stunde am Flughafen Wien. Mir gefällt auch die Entwicklung von Linz sehr gut. Die Stadt wurde und wird immer schöner. Was man unbedingt noch hinbekommen muss, ist die Stadteinfahrt an der Waldeggstraße mit den vielen leeren Häusern. Die ‘First Impression’ dort ist nicht wirklich schön.

Und was fehlt in Linz?
Ordentliche Radwege. Wenn man mit Bike unterwegs ist, ist es eine Katastrophe. Und dann muss vielleicht man auch noch Strafe zahlen, wenn man auf der Landstraße unterwegs ist.

Abschließend zu deinem Buch: Wer soll es kaufen und welche allgemeine Kernaussage findet man darin?
Es ist ein Buch für angehende und bereits bestehende Unternehmer. Aber auch für Schüler, Studierende und Menschen, die sagen: ‘Ich will mal was erreichen’.  Ich glaube, da kann ich mit dem Buch gute Tipps und Motivation mit auf den Weg geben. Und zur Kernaussage: Ich beschreibe im Buch sehr offen und authentisch, warum ich ein Unternehmer geworden bin und was ich in den zehn Jahren mit Runtastic gelernt habe.

 

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