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Eigentlich ist alles ganz anders

16. Juni 2026
in Meinung
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„Die Fußball-WM ist ein mehr als guter Grund, nach Jahren endlich wieder einmal in die USA zu reisen – Donald Trump hin oder her“, sagt LINZA-Chefredakteur Wilhelm Holzleitner. Sind die Amerikaner tatsächlich alle zu dumm zum Wählen? Explodieren die Preise jenseits des Atlantiks? Und wie wildwestmäßig geht es bei der Einreise wirklich zu? Fragen über Fragen. „Mister Holz“, so sein amerikanisierter Reise-Nickname, suchte zumindest einige Antworten – und fand sie in San Francisco, wo heute die erste von zumindest drei Partien unseres Nationalteams steigt.

Ich gestehe: Ich bin befangen. Mein Eindruck von den USA war schon bisher kein schlechter. Mehr als 50 Kurzaufenthalte von jeweils etwa drei Tagen – im Rahmen meines 90er-Jahre-Jobs als Flugbegleiter bei der längst verblichenen LAUDA Air – sowie mehrere längere Urlaube in den Staaten haben Spuren hinterlassen. Seit den frühen 1990er-Jahren wundere ich mich daher über die stetig zunehmende Amerikanophobie in Europa – und die Verächtlichmachung samt In-die-Eselsecke-Stellen ihrer Bürger.

Folgerichtig ermahnt mich auch der Purser (Kabinenchef) meines Condor-Fluges von Frankfurt nach San Francisco im Smalltalk 10.500 Meter über dem mächtigen Eispanzer Grönlands mit hochgezogener Augenbraue, dass er sich „auf keinen Fall“ ein Spiel der WM persönlich anschauen würde, weil er „Trump keine Bühne bieten“ wolle. Da wird er sich aber giften, der Trump, wenn die Chef-Saftschubse ihm keine Bühne bieten will.

„Eine Frechheit, was die bei der Einreise aufführen. Sogar seinen Facebook-Account muss man angeben. Wenn man das nicht tut, wird man an der Grenze abgewiesen und muss wieder heimfliegen“ – das und Ähnliches wird von vielen, eigentlich sehr intelligenten Zeitgenossen immer wieder ins Treffen geführt, um auszudrücken, wie unmenschlich und brutal bei der USA-Einreise selbst mit ganz normalen Touristen oder gar Familien umgegangen wird.

Gemach, gemach. So weit ich zurückdenken kann – und das sind mittlerweile auch schon einige Jahrzehnte und dutzende Einreisen in die USA –, war die Beantwortung durchaus persönlicher Fragen Pflichtprogramm bei der Visaerteilung beziehungsweise der ESTA-Genehmigung. Inklusive Foto- und Fingerabdruckerfassung bei der Einreise. Dasselbe tun übrigens auch viele andere Länder wie Japan, China oder Südkorea. PS: Die Angabe des Facebook-Accounts vor der Einreise in die USA ist freiwillig. Ich habe das betreffende Feld beim ESTA-Ansuchen folgenlos leer gelassen.

Auch bei der Ersteinreise in die USA müssen Drittstaatsangehörige (Nicht-EU-Bürger) ihre Fingerabdrücke abgeben und sich einige Fragen gefallen lassen. Gut so, denn jede Nation oder Staatenbund, der halbwegs bei Sinnen ist, möchte wissen, wer da in sein Wohnzimmer kommt. Und: Mehr als 99,9 Prozent der Reisenden passieren die USA-Einreiseformalitäten problemlos. Das war vor der Ära Trump so und ist bis heute so geblieben. Daran ändert auch das Einreiseverbot eines somalischen FIFA-Referees nix. Wenn Erkenntnisse vorliegen, das er so unschuldig dreinblickende Mann einst bei einer terroristischen Organisation aktiv gewesen sein soll, ist halt schnell Schluss mit lustig – das müssen auch jene (linken) Medien anerkennen, die glauben, sie seien besser informiert als der US-Geheimdienst.

Das Einreiseprozedere drei Tage vor dem Österreich-Spiel am Flughafen San Francisco (SFO) war überraschend entspannt. Trotz dichtem Andrang – die Fußball-WM lässt grüßen – hielt sich die Wartezeit mit rund 40 Minuten in Grenzen. Der eigentliche Einreiseprozess war nach vier Minuten erledigt.

Der Immigration Officer – ein Mann mit japanischen Wurzeln, wie er mir verriet – scherzte mit mir über meinen Vornamen. Er wusste tatsächlich, dass ich „the same first name as the last emperor before Hitler“ habe, und fragte mich lachend, ob ich eh kein Nazi sei. Nicht besonders originell, aber für einen gemeinsamen (wenn auch etwas gequälten) Lacher hat es gereicht.

Und dann: San Francisco. Endlich wieder, nach acht Jahren. Die Stadt wirkt in vielerlei Hinsicht erstaunlich unamerikanisch. Der internationale, insbesondere europäische Einfluss ist deutlich spürbar. Und gefühlt ist die Stadt auch relativ sicher. Lediglich die Viertel Tenderloin und South of Market präsentieren sich teilweise in einem heruntergekommenen Zustand.

Gruselig anzusehen sind die Auswirkungen der Billigdroge Fentanyl. Regungslos, tief nach vorne gebeugt, als würden sie gerade etwas vom Boden aufheben wollen, stehen manche Konsumenten mitten auf dem Gehsteig und verharren dort teilweise stundenlang.

Sauberkeit? Fällt positiv auf. Das war vor einigen Jahren noch anders. Selbst ein Moloch wie San Francisco hat Linz hier mittlerweile überholt. Immer wenn ich von einer Reise zurückkomme, fällt mir der zunehmende Dreck in Linz auf. Vielleicht sollten unsere Prammers, Hajarts und Ramls einfach öfter reisen und sich andere Metropolen anschauen. Das ist oft das beste Rezept, um Dinge besser zu machen – und die eine oder andere Idee mitzunehmen.

Zum Beispiel die auch bei uns mittlerweile „üblichen“ Anti-Terror-Betonsperren an stark frequentierten Plätzen, die hier als große Blumentröge genutzt werden und sich überraschend harmonisch ins Stadtbild integrieren.

Detto spannend: San Francisco kassiert von den E-Scooter-Verleihern pro Ausleihvorgang eine „Genehmigungsgebühr“ von 35 Cent. Da kommt in einer 900.000-Einwohner-Stadt ganz schön was fürs Säckel zusammen. Eine spontane Nachfrage bei Vizebürgermeister Martin Hajart nach einer ähnlichen Lösung für Linz verlief allerdings im Sand: „Rechtlich unmöglich“, lautete die Antwort. Auch das ist einer der Gründe, warum Europa und Österreich vielerorts den Anschluss verlieren. Wenn etwas nicht geht, sind die Vorschriften meist schneller zur Stelle als mögliche Lösungen.

Die Leih-Roller liegen hier übrigens (großteils) nicht wahllos herum. Nach jeder Fahrt müssen sie mit einem integrierten Schloss irgendwo am Straßenrand angehängt werden. Wahrscheinlich wäre selbst das bei uns rechtlich problematisch – weil die Scooter dadurch in ihrer persönlichen Freiheit möglicherweise eingeschränkt würden.

Apropos rechtliche Probleme: Sie sind unter anderem auch der Grund, warum autonomes Fahren – ob Taxis oder Lieferdienste – in Linz und Österreich großteils noch nicht einmal in den Kinderschuhen steckt. Letztes Jahr gab es hinter der SolarCity einen „Probebetrieb“ mit einem Kleinbus, der im erweiterten Schritttempo unterwegs war und sicherheitshalber noch einen Fahrer an Bord hatte.

San Francisco ist beim autonomen Fahren mindestens einen Quantensprung voraus. Seit drei Jahren fahren hier rund 800 vollautonome Taxis durch die Stadt – durch dichten Verkehr, steile Straßen, über Kreuzungen mit Straßenbahnen und Cable Cars sowie zwischen Fußgängern, Radfahrern und Bussen.

Die Unfallhäufigkeit liegt laut aktuellen Daten um den Faktor vier niedriger als bei von Menschen gesteuerten Fahrzeugen. Atemberaubend, wie die Fahrzeuge des Tech-Unternehmens WAYMO durch die Straßen gleiten. Ich bin selbst in einem gefahren: per App bestellt, per App aufgesperrt, eingestiegen und los. So geht Zukunft. Prognosen zufolge könnte es bereits in spätestens fünf Jahren kaum noch klassische Taxis mit Fahrern geben. Ob sich bei uns bis dahin wenigstens ein zweiter „Probebetrieb“ ausgeht?

Erschreckend hingegen ist die allgemeine Preisentwicklung, die hier gefühlt noch stärker ins tägliche Leben eingreift als bei uns. Der Liter Benzin kostet mittlerweile umgerechnet rund 1,65 Euro. Und wenn man bedenkt, was die vielen RAM-Pick-ups und anderen XXL-SUVs verbrauchen, ist das durchaus schmerzhaft. Trotzdem bleibt die Elektromobilität vergleichsweise schwach. Der Anteil von Elektroautos an den Neuzulassungen stagniert in den USA bei rund sechs Prozent.

Und sonst? Ein Bier unter zehn Dollar gehört mittlerweile zur aussterbenden Spezies. Selbst ein kleines Sandwich am Pier kostet schnell zwischen 15 und 20 Dollar. Selbst der Mexikaner mit seinem mobilen Hotdog-Stand verlangt mittlerweile einen Zehner.

Richtig frech wird es in der Gastronomie. Zum Preis auf der Speisekarte kommen neben der Umsatzsteuer von 8,6 Prozent noch Gesundheitszuschläge für die Sozialversicherung der Mitarbeiter von rund sechs Prozent hinzu – plus das obligatorische Trinkgeld.

Und das beginnt nicht etwa bei zehn Prozent. Beim Bezahlen darf – oder muss – man häufig zwischen 18, 20 oder gar 25 Prozent „Suggested Tip“ wählen. Besser gesagt: Man wird dazu fast schon genötigt. Warum diese Kosten nicht einfach eingepreist werden, bleibt ein Rätsel.

Ebenfalls heftig sind die Mautgebühren auf Straßen und Brücken. Wer über die Golden Gate Bridge fährt, zahlt mittlerweile 10,50 Dollar pro Überfahrt Richtung San Francisco. Das gilt auch für Pendler, eine Jahreskarte gibt es nicht.

Für Berufstätige summiert sich das schnell auf 200 Dollar pro Monat – nur fürs Über-die-Brücke-Fahren. Auch für die Oakland Bay Bridge werden 8,50 Dollar pro Überfahrt fällig.

Und was kostet eigentlich das Erlebnis Fußball-WM für einen spontanen Wochentrip zu einem Vorrundenspiel wie in meinem Fall? Trotz aller Panikmache mancher Medien ist das durchaus leistbar:

  • Zugticket Linz – Flughafen Wien – Linz: 70 Euro
  • Flugticket Wien–Frankfurt–San Francisco: 560 bis 850 Euro
  • Flughafentaxi (one way): ca. 45 Euro
  • Puma-Originaldress Österreich: 99 Euro
  • Eintrittskarte Vorrunde (günstigste Kategorie): 90 bis 130 Euro
  • Eine Woche Mittelklassehotel in zentraler Lage: 700 bis 1.200 Euro

Summa summarum: Eine Woche Fußball-WM inklusive Langstreckenflug gibt es bei sorgfältiger Planung für unter 2.000 Euro.Immer wieder Österreich.

 

 

 

 

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